Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 105

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Naturwissenschaft und Wunder
Date
1932-06-01
Page
105 (sequence 10)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902273--05751-2902334
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Naturwissenschaft und Wunder Weltganzen zur Vermehrung der sittlichen Entropie der Welt, zur Verwirklichung des messianischen Reiches hinführen und beitragen. Nur daß wir dieses Gesetz der sittlichen Entropie nicht kennen und, möchten wir hinzufügen., es nie kennen können und sollen. Es stellt die Freiheit des persönlichen Gottes dar., als Gegenstück der sittlichen Freiheit des Menschen. Frei ist der Mensch in seiner Entscheidung, und dennoch vermag er schließlich die gottgewollte Weltentwicklung nicht aufzuhalten, weil die Vorsehung frei ist, nach dem Prinzip der Vermehrung der sittlichen Entropie die Ordnung der Natur immer wieder so zu gestalten, daß sie der ethischen Uhr letztlich doch wieder entspricht. Daß kein absolutes Gesetz die Menschendinge eindeutig regelt, daß es in allem Menschlichen eine Freiheit gibt, das erlebt der Mensch vor allen Dingen an sich selbst. Die Stimme der natürlichen Triebe kann er in sich zum Schweigen bringen, sein Leisten und Können über alle energetischen Voraussetzungen steigern. Eigentlich ist jeder Akt der Selbstvollkommnung und Selbsterziehung als Sieg des ethischen Willens über das Natürliche ein Wunder. Und wie in sich, so erlebt er das Wunder auch außer sich. Je weniger er sich vom Strom des natürlichen Geschehens mitreißen läßt, um so mehr klingt ihm aus dem Schlag der ethischen Uhr der Sieg der Vorsehung, die Kraft der freien Allmacht eines den sittlichen Menschen schützenden und leitenden Gottes zu. Nur er kennt den Todesmut, der allen Gefahren trotzt, die Sicherheit des Wandeins an den Grenzen der Möglichkeit. Weil ihm Leben und Tod gegenüber der Pflicht bedeutungslos sind, darum wagt er sie selbst im Angesicht der Gefahr und — siegt. Der Talmud hat für diesen Gedanken eine charakteristische Erzählung: Als der Prokurator Turinus den Lulianus und Pappus in Laodicaea töten wollte, spottete er ihrer: „wenn ihr vom Volk des Chananja, Michael und Asarja seid, so komme euer Gott und rette euch aus meiner Hand, wie Er jene aus der Hand Nebukadnezars gerettet haben soll. Da sagten sie: jene drei haben für die Heiligung des göttlichen Namens sich geopfert, sie waren würdig, daß ihnen ein Wunder geschehe, auch Nebukadnezar war ein edler König, des Wunders würdig. Wir aber verdienen den Untergang, und stürben wir nicht durch deine Hand, so hat Gott der Mittel und Wege genug. Sein Todesurteil an uns zu vollziehen. (Taanith 18b.) Dem Menschen, der im Alltäglichen aufgeht, kann auch sein Schicksal nur ein alltägliches Antlitz zeigen. Aber dem großen, über alle zwangsläufige Durchschnittsform des Menschlich-Allzumenschlichen sich hinaushebenden und strebenden, vor keiner Klippe zurückbebenden Erfüller höchster Pflichtbestimmung spricht auch die Vorsehung eine andere Sprache, enthüllt sich das Geheimnis des Monotheismus: der Primat der ethischen Weltkräfte. Wer fragt: „Warum erlebte man einst das Wunder, warum heute nicht? ' dem erwidern wir: „Sei selbst ein Wunder, dann erlebst du das Wunder". 105

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.