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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 103

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Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Naturwissenschaft und Wunder
Date
1932-06-01
Page
103 (sequence 8)
Language
German
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Naturwissenschaft und Wunder III. Von hier aus gesehen, ist gerade das relative Wunder etwas viel Größeres und Erhabeneres als das absolute. Es zeigt sich, daß selbst das relative Wunder für uns Menschen ein Eingreifen Gottes darstellt, ohne welches eine ethische Weltordnung überhaupt undenkbar ist. Es zeigt auf der andern Seite, daß die ganze Natur letztlich auf Verwirklichung des Sittlichen mitangelegt ist. Schöpfung und Offenbarung sind keine Gegensätze. Die eine ist auf die andere abgestimmt. Es kann auf die Dauer ein Zwiespalt zwischen beiden nicht bestehen. Das Wunderwalten Gottes ist nur ein Ausdruck der ständig wirkenden Vorsehung, die dauernd und immer neu in das Völker- und Einzelschicksal eingreift, die nur bei bestimmten Gelegenheiten sich so auffällig und großartig dem Menschengemüt zum Bewußtsein bringt, daß man staunend von einem Wunder redet. Aber „wieviel Wunder tut Gott mit dem Menschen, und er selbst weiß es nicht ' (Schemoth Rabba 2 4). Das Wunder führt also auf das Problem der Vorsehung, auf die Grundvorstellung aller Religion von einem „lebendigen" Gott, der immer wieder die Menschendinge leitend gestaltet. In diesem Sinne sind wir von Wundern umgeben, und es ist keine Übertreibung, wenn die Weisen uns beten lehrten: „wir danken Dir, Gott, für Deine Wunder, die täglich uns geschehen, zu jeder Zeit, abends und morgens und mittags". Alle Wunder sind nur relativ. Zwischen dem alltäglichen Geschehen und dem Wunder besteht nur ein Unterschied des Grades. Wir Menschen täuschen uns nur allzuoft über diesen Grad des Wunderbaren. Der Talmud sagt Nedarim 4i- „größer ist das Wunder, das am Kranken geschieht, als die Rettung des Chananja, Mischael und Asarjah aus dem Feuer. Ein von Menschen angezündetes Feuer können alle löschen, die Fieberglut des Kranken aber ist ein Himmlisches, wer kann es löschen?" Naturwissenschaftlich ausgedrückt würde das heißen: Menschliche Einsicht und menschliches Können kann durch Berechnung der Naturkräfte viele Möglichkeiten finden, die Glut eines Kalkofens unwirksam zu machen, die Heilung eines Kranken aber ist von so vielen Faktoren der Unberechenbarkeit und menschlicher Einflußlosigkeit abhängig, daß sich darin das Walten einer höheren Macht viel deutlicher verrät. Darum kann sich der Glaube an eine göttliche Vorsehung, an Gebet und Wunder gut in eine realistisch-naturwissenschaftliche Weltanschauung einfügen. Erleben wir es doch, daß z. B. der Arzt den Kranken für verloren erklärt und dieser dennoch gerettet wird. Nicht etwa, als ob sich der Arzt 103

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