Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Naturwissenschaft und Wunder
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 100 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902273--05746-2902329- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Joseph Carlebach Sie kannten nur die blinde Notwendigkeit, die nach gut und böse nicht fragt, kannten nur eine Laune der Fortuna, die scheinbar sinnlos ihre Lose verteilt. Von einem richtenden Gott konnten sie keinerlei Spur bemerken. Sie fragten die Juden: „Wenn euer Gott keine Götzen will, warum zerstört er sie nicht? Wenn euer Gott den Diebstahl verabscheut, warum wächst gestohlener Weizen? Wenn euer Gott die Unkeuschheit nicht duldet, warum gedeiht das Kind der Sün<de?" Die jüdischen Wieisen antworteten: Gott spricht: soll Ich etwa um der Narren willen meine Welt zerstören, etwa Sonne und Mond vernichten, weil Toren sie anbeten, Wachstum und Zeugung unterbinden, weil die Schlechten ihren Segen nicht verdient haben? Nein, die Welt geht ihren Gang. Und die Narren, die schlecht gehandelt, sie werden schon zur Verantwortung gezogen werden." Die Philosophen glaubten also in logischer Konsequenz ihres Unglaubens einen ethischen Gott nicht annehmen zu können, weil sonst die Strafe dem Verbrecher auf den Fuß folgen, weil man sonst das Eingreifen Gottes sichtbar verspüren müßte. In jedem von uns lebt die feste Überzeugung, daß es eine Gerechtigkeit gibt, daß die Geschichte das Weltgericht ist. Es ist tiefste Lebenserfahrung aller Geister, nicht nur der großen religiösen Künder, daß Unrecht Könige und Völker stürze, daß Tod und Verderben der Sünde Lohn bilde. Warum also wächst der gestohlene Weizen wie der ehrlich erworbene? Wieso wird das Siegel der Gottesebenbildlichkeit dem Wesen verliehen, das in Blutschande oder Ehebruch gezeugt ist? Wie erklärt sich dieser Widerspruch? Die Weisen antworteten: die Welt geht ihren Gang, und doch ist das Gesetz von der Verkettung von Schuld und Sühne in Geltung. Die engstirnigen Narren, die gegen das ewige Weltgesetz verstoßen, werden schon einmal, früher oder später, zur Verantwortung gezogen werden. Die ethische Weltordnung muß also eigener Art sein; das Gesetz, das den Weizen wachsen läßt, muß anders funktionieren als das Gesetz, daß der Dieb der Strafe verfällt. Es gibt eben zweierlei Ordnungen im Weltganzen, eine Naturordnung und eine ethische Ordnung, aber die Art ihres Wirkens ist eine verschiedene. Wir wollen uns das Wesen dieser beiden Ordnungen an einem Bilde klar machen, das wir der Geschichte der Philosophie entlehnen. Um das Zusammenwirken von Leib und Seele sich anschaulich vorzustellen, haben die Philosophen beide mit zwei gleich gehenden Uhren verglichen, die stets in gleichem Schlag schlagen und dieselbe Zeit künden. Wie diese Überemstimmung der beiden Uhren möglich ist, darüber haben sich zwei Meinungen gebildet. Die 100