Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Naturwissenschaft und Wunder
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 98 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895507-2895510-2902273--05744-2902327- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Joseph Carlebach Natur mittels einer uns unbekannten Ursache vorbereitet, um im Augenblick, da man ihrer bedurfte, zu unserem Erstaunen zur Erscheinung zu kommen ebenso wie die Schrift, die erste Zange und aller technischer Fortschritt ein Altneues darstellen. Maimonides bemerkt zu dieser Mischna: warum werden hier gerade diese zehn aufgerechnet? Das soll nicht heißen, daß nur diese Auffälligkeiten im Kosmos der Dinge vorbereitet gewesen wären, andere aber nicht. Gerade umgekehrt: alle anderen Wunder waren im Schöpfungswerk der sechs Tage längst angelegt; so war es am zweiten und dritten Tag, als die Wasser sich teilten und in ihre Becken sammelten, in der Natur vorgesehen, daß das Schilfmeer vor Israel sich spalte und der Jordan dem Josua. Nüchtern gedeutet, kann das nichts anderes heißen» als daß nur diese zehn scheinbar aus dem Schöpfungswerk selbst ihre Erklärung nicht fänden und infolgedessen im Zwielicht des Sabbath, an der Grenze zwischen dem Natürlichen und einer höheren Welt in einer für uns unsichtbaren Vorbereitung ihre Begründung fänden. Alle anderen Wunder reihen sich ohne weiteres in die Natur und ihre Gesetze ein. So sagt Maimonides ausdrücklich: „der göttliche Wille war es in den Schöpfungstagen, daß alle künftige Entwicklung den Naturgesetzen entsprechend vor sich gehe, wie es heißt; was gewesen ist, das wird sein, und was geschehen ist, das wird weiter geschehen, es gibt nichts Neues unter der Sonne. Für alle Wunder, die aus dem Rahmen der Natur in Vergangenheit und Zukunft hinauszutreten scheinen, bestand die Absicht Gottes vorher; in die Natur der Dinge war es gefügt, daß sich im gegebenen Augenblick das als Neuerscheinung sichtbar mache, was an ihnen und wie es als Novum erschien. Die es sahen, mußten annehmen, daß es erst damals neu geschaffen sei. aber das ist nicht der Fall/* Das Wunder war also in der Natur bereits angelegt, nicht eine Neuschöpfung. Ein Menschengeist, der die gesamte Natur zu durchschauen fähig gewesen wäre, hätte auch das Eintreten des Wunders und seine ursächliche Verkettung im Ganzen des Erdenlaufes zu erkennen vermocht. Bei der Darstellung der Spaltung des Schilfmeeres im Midrasch kommt die Abneigung des Gläubigen gegenüber jeglichem Wunder deutlich zum Ausdruck (Schmoth Rabba 21): Gott sagt zu Moses: nun hebe deinen Stab und spalte das Meer! Da spricht Moses zu Gott: wie kannst du mir solches befehlen? Hast du doch selbst den Sand zur Grenze des Meeres gemacht und geschworen, es nicht zu zerreißen? Da erwidert ihm Gott: „Nein, von Urbeginn an habe Ich mit dem Meer vereinbart, diaß Ich es einst spalten werde." Sogleich gehorchte Moses, aber das Meer wollte seinen Befehl nicht entgegennehmen. Es sprach: ich werde mich von dir nicht vergewaltigen lassen, denn ich bin größer als du, ich bin am dritten Tag geschaffen und du erst am sechsten." Was tat der Heilige, 98