Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 8 (1932-1933)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1932)
- Article
- Naturwissenschaft und Wunder
- Date
- 1932-06-01
- Page
- 102 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Carlcbach schehen anerkennen. Die Gesetzmäßigkeit dieser ethischen Weltordnung, die zeiträumliche Art ihres Wirkens hat allerdings noch kein Menschengeist ergrübelt. In der Naturordnung, in der Flucht der physikalischen Erscheinungen vermag der Mensch wohl den ruhenden Pol, das sie beherrschende Gesetz zu ergründen; in den „grausenden Wundern" der ethischen Ordnung scheint ewig für uns der „Zufall" zu wirken. Nur das Ziel, der Erfolg dieser Ordnung, enthüllt sich immer wieder eindeutig und gewiß. Solange der Zeiger der ethischen Uhr durch häufige, uns alltäglich entgegentretende Fügungen in Übereinstimmung mit der natürlichen Weltordnung sich befindet, fällt die Geltung der ethischen Ordnung nicht auf. Wo aber außergewöhnliche und ungeahnte Kräfte im Spiele waren, da bekennt der Menschengeist, die Hand Gottes geschaut, das Wunder erlebt zu haben. . Um nochmals an das Beispiel der Spaltung de& Schilfmeeres anzuknüpfen: wie es geschah, ob durch ein Seebeben, ob durch eine außergewöhnliche Sturmflut, ob durch eine Erscheinung wie Ebbe und Flut, ist gleichgültig. Irgendwelche von Menschen nicht erwarteten und errechneten Kräfte waren dabei in Wirksamkeit getreten. Ein solches Ereignis hätte an und für sich gar kein Interesse. Wenn jetzt in diesem Augenblick sich das Schilfmeer wiederum durch ein gleiches Ereignis bis zur Trockenheit spalten würde, so wäre das vielleicht für den Naturforscher ein ihn reizendes Problem; religiös und ethisch spielte es keine Rolle. Aber daß ein geknechtetes Volk, das vor seinen Verfolgern flieht, ungeahnt einen Ausweg zur Freiheit findet, daß die Trockenlegung nur solange anhält, bis das mit Unrecht gejagte Volk das andere Ufer gewinnt, und das Meer dann den Verfolger begräbt, daß durch dieses außergewöhnliche Naturereignis die Tyrannei ihren Rächer fand und der Menschenknechtung ein Damm gesetzt wurde, daß mit anderen Worten die ethische Uhr denselben Schlag schlug wie die natürliche und ein Zusammenklang beider der Menschheit die absolute Geltung der sittlichen Weltordnung ins Ohr gellte, das macht das Ereignis zum Wunder, macht es zur ewiggeltenden Grundlage sittlicher Weltanschauung. In der Unübersehbarkeit aller natürlichen Faktoren, die unser Schicksal bestimmen, liegt eben die sittliche Freiheit des Menschen begründet. Daß aber die Summe aller bekannten und unbekannten Kräfte der Natur schließlich der sittlichen Weltordnung dienen und den Erziehungsplan Gottes an der Menschheit zur Verwirklichung bringen muß, darin enthüllt sich uns der Sinn des Wunder s. 102