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Der Morgen · 1932-06-01 · Heft 2 (Juni 1932) · p. 96

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
8 (1932-1933)
Issue
Heft 2 (Juni 1932)
Article
Naturwissenschaft und Wunder
Date
1932-06-01
Page
96 (sequence 1)
Language
German
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Naturwissenschaft und Wunder Von Joseph Carlebadi Solange man über Religion nachgedacht, war gerade den Frömmsten das Wunder ein Problem; hat es doch den Anschein, als hätte der Schöpfer seine Welt korrigieren müssen, als wäre im Verlauf der Entwicklung eine Situation entstanden, für welche der gesetzliche Ablauf der Ereignisse nicht ausgereicht und in der nur eine Durchbrechung des kosmischen Zusammenhangs alles wieder in Ordnung zu bringen vermocht hätte. Ist nicht ein Wunder, so spitzte sich die Fragestellung zu, ein Ausdruck der Unzulänglichkeit der Schöpfung, ein Zeichen, daß die alle Zukunflsentwicklung voraus regelnde Weisheit des Weltenschöpfers versagt habe? Wer gar für sich selbst ein Wunder verlangt, der beweist gerade dadurch, wie schwach sein Glaube an eine allgenügende Erdenleitung ist. Eine heroische Lebensleistung, die Verwirklichung des Guten allen Gewalten zum Trotz ist ihm an die Bedingung geknüpft, daß er das Wunder, den Sieg über die Gegebenheiten, erlebt habe. In Umkehrung des Wortes im „Faust": das Wunder ist des Glaubens liebstes Kind, könnte man sagen: das Wunder ist des Unglaubens liebstes Kind. Rousseau hat Unrecht, wenn er sagt: „Nehmt das Wunder aus der Religion und Millionen stürzen ihr zu Füßen". Die Erfahrung spricht eine andere Sprache. Scharen Ungläubiger rufen: zeigt uns das Wunder, und wir erkennen demütig die überlegene Macht der Religion an. Sonst aber fehlt ihnen die Beglaubigung eines allmächtigen Gottes, das sichtbare Zeichen, daß eine höhere Gewalt das sittliche Ideal zum Durchbruch zu bringen, die physische Welt einem ewigen Ziel dienstbar zu machen vermag. Auch die großen Gotteskünder sollen ihnen die Wahrheit ihrer Lehre durch Taten erhärten, die „über unsere Kraft" hinausgehn. So ist das Wunder dem Frommen gedankliches Problem; dem Zweifler ist es Voraussetzung des ethischen Weltsinnes, Vorbedingung für den Geltungsanspruch jeder religiösen Lebensforderung. 96

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