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Der Morgen · 1931-06-01 · Heft 2 (Juni 1931) · p. 116

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Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 2 (Juni 1931)
Article
Die Proletarisierung der deutschen Juden
Date
1931-06-01
Page
116 (sequence 2)
Language
German
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Max Dienemann Wille und eigener Trieb, und selbst wenn in bestimmten Zeitlagen und aus bestimmten Voraussetzungen sich Gleichmäßigkeiten des Seins und Denkens herausbilden, die eine Typenaufstellung gestatten, so ist mit ihr noch nicht ein Endgültiges und Zwingendes geschehen. Menschen, die wirtschaftlich einer deutlich umschriebenen Gruppe angehören, müssen nicht der typischen und theoretisch dargestellten Denkweise dieser Gruppe angehören, sie werden vielfach in ihrem Denken in eine andere Gruppe hineinwachsen, besonders wenn ein Wandel sich vollzieht, und wenn sie persönlich oder die Gemeinschaft, "'die sie geprägt hat, in dieser anderen Gruppe gelebt haben. Menschen einer Zeitepoche können in ihrem Denken bereits über ihre Zeit hinaus in einem neuen Denken stehen, und können ebensogut in ihrem Denken einer früheren Epoche angehören. Der Mensch ist den typischen Gedanken seiner Zeit nicht als Sklave verhaftet, er ist auch nicht Sklave seiner Wirtschaftsgruppe. Aber er ist stark durch sie bestimmt und beeinflußt; dadurch wird eine weitgehende Gleichmäßigkeit herbeigeführt, die Typenbildung gefördert, die dann eine Gegenüberstellung gestattet Man muß nur wissen, daß eine schematische Verallgemeinerung nicht erlaubt ist, und daß es Übergänge und Mischungen gibt. Die deutschen Juden gehörten, seitdem sie sich mit dem Verschwinden des Ghetto in den Staat und die Gesellschaft eingegliedert hatten, dem Bürgertum an, ihre Welt war die Welt des „Bürgers". Für die Existenz des „Bürgers" sind im wesentlichen die Selbständigkeit und die Sicherheit kennzeichnend. Die Wirtschaftsform des Bürgertums gestattet eine Fülle selbständiger Existenzen, von Menschen, die aus ihrem eigenen Können, auf eigene Verantwortung sich als Schaffende und Handelnde in den Wirtschaftsprozeß hineinbegaben. Der deutsche Jude des 19. und der ersten Jahre des 20. Jahrhunderts gehörte dieser Wirtschaftsform an. Es war geradezu kennzeichnend für ihn, daß er als kaufmännischer Angestellter nach rascher Selbständigmachung strebte, daß er alle Risiken, die damit verbunden waren, gern auf sich nahm, um nur1 die Früchte seiner Arbeit völlig und ganz allein für sich emzubringen. Die gesamte Wirtschaftsform jener Epoche war diesem Streben günstig. Der Jude hob sich deutlich durch besondere Energie in solchem Streben aus den Menschen der gleichen Schicht heraus. Mit der Selbständigkeit war zugleich die Möglichkeit verbunden, mehr als nur das Notwendige zu erringen, Ersparnisse zu machen, sich und seinen Kindern eine gehobenere Lebensführung zu verschaffen. Man kann ohne Übertreibung sagen: wer sein Geschäft verstand, wer Fleiß und Ausdauer hatte, Umsicht bewies, keine kostspieligen Passionen 116

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