Mannheim
Compact Memory

Der Morgen · 1931-06-01 · Heft 2 (Juni 1931) · p. 120

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
7 (1931-1932)
Issue
Heft 2 (Juni 1931)
Article
Die Proletarisierung der deutschen Juden
Date
1931-06-01
Page
120 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2895450-2895499-2895502-2901482--05052-2901537
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Max Dienemann trat das in der Seelenhaltung des Juden noch ein wenig stärker hervor, weil es an sich der jüdischen Lehre zu eigen ist, den Menschen als den Handelnden und Wirkenden, als den für das Schicksal der Welt Verantwortlichen zu betrachten, weil es ihr Erziehungssystem ist, im Bewußtsein des Menschen die Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit zu begründen. Hier bewirkten die aus dem Wirtschaftlichen sich ergebenden Einflüsse eine Steigerung, die für das Frömmigkeitsleben oft verhängnisvoll wurde. Die Gefahr der Sattheit stand vor dem „Bürger". Sattheit stellt sich allzuoft dort ein, wo man sich seiner Lebensumstände, seiner Stellung, seines Einkommens und seines Aufstiegs sicher fühlt; solche Sattheit artet oft in eine Selbstgerechtigkeit aus, in jene eigentümliche Seelenverfassung, in der man sich, eben aus der Sicherheit und Ungefährdetheit seiner eigenen Existenz, gegen Anfechtungen und Versuchungen gefeit glaubt, denen andere erlegen sind. Der Einzelne ist sich sicher dieser Sattheit selber nicht bewußt, sie offenbart sich aber in den Nuancen seines Tuns. Sie offenbarte sich zumeist in dem Distanzgefühl gegenüber dem Armen. Hier zeigte sich eine Lücke gerade bei Menschen, die durch das edle Ziel, das sie ihrer Arbeit geben wollten, weit über andere hervorragten und vorbildlich waren. Die Arbeit am Nebenmenschen war „Wohltätigkeit", d. h., man empfand sich als den Schenkenden, als den, der aus seiner Fülle dem minder Begünstigten mitteilte, man spürte die Distanz. Es fehlte an dem Gefühl des schicksalhaften Verbundenseins, der tatsächlichen Gemeinsamkeit Es war nur allzu oft ein Sich-herab-lassen. Damit kein Mißverständnis entstehe: es ist gar nicht zu leugnen, daß aus der bürgerlichen Gesellschaft bewundernswerte Werke einer umfassenden Fürsorge hervorgegangen sind, daß unendlich viel Segensvolles geschaffen worden ist; es darf nie vergessen werden, daß es viele Menschen gegeben hat, die ihre ganze Kraft in solche Werke legten, in deren Seele eine heilige Glut des Helfens brannte, es bleibt unleugbar, daß in Vielen ein heißes Mitleid mit den Enterbten und Hilfsbedürftigen lebendig war, ein überaus starkes Gefühl der persönlichen Verpflichtung. Und doch, es lag schon in dem Begriff „sozialer Sinn, soziale Betätigung, soziale Fürsorge" ein Distanzgefühl, man gab, man gab sich, und doch blieb ein Gefühl, daß man eben einer anderen Schicht angehörte als der Schicht der Beschenkten, der von der Fürsorge zu Betreuenden. Dieses Distanzgefühl wuchs ganz selbstverständlich aus der bürgerlichen Stellung hervor. Sicherheit und Sattheit lassen leicht in eine Gesinnung abgleiten, die das 120

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.