Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895483-2895488-2900010--03761-2900059- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Max Dienemann Wirkens Menschen mit ahnlichen Kennmissen, gleichem, wenn auch andersgeartetem Wissen geben, aber das Zusammenklingen der Begabungen und Wirkensenergien ist das Einzigartige seiner Persönlichkeit, für das es keine Parallele gibt. Er war im Umgang und Verkehr durchaus kein bequemer Mensch. Weil er an sich selbst die höchste Forderung der Klarheit und unbedingten Sachlichkeit stellte, stellte er sie auch an alle anderen. Darum war ihm ein Verkehr mit Menschen, die nicht von der gleichen Richtung auf das Wesentliche bewegt waren, nahezu unmöglich, darum drang er in jeder persönlichen Berührung mit Menschen darauf, daß auch sie nicht über leere Dinge redeten, sondern auf das Sachliche und die Erarbeitung klarer Gedanken ihren Sinn hinlenkten. Sein Verlangen nach Klarheit und Wahrhaftigkeit führte ihn dazu, sich ständig Rechenschaft von sich selbst, seinem Denken und seinen Erlebnissen abzulegen. So führte er von seinen Jugendjahren an bis in die letzten Monate und Wochen ein ausführliches Tagebuch. Diese Tagebücher werden, wenn sie einmal an die Öffentlichkeit gelangen, nicht nur ein Spiegel seiner selbst sein> sondern auch dank den vielerlei Beziehungen, deren geistiger Gehalt in ihnen wiedergegeben ist, ein Ausschnitt aus dem Gesamt-Geistesleben der Gegenwart. In dem schönen Liede zum Preise der Frau, mit dem die Sprüche Salomons abschließen, lautet ein Vers: „Berühmt ist in den Toren ihr Mann." Man fragt verwundert: Wenn es ein Lied auf die Frau ist, was hat des Mannes Ruhm damit zu tun? und findet rasch die Antwort. Der innere Sinn des Verses ist der: Von Art und Arbeit der Frau hängt des Mannes Geltung und Ansehen in der Öffentlichkeit nicht zum letzten ab. Es gehört so notwendig zum Lebensbild Goldsteins, daß der Anteil seiner Frau an der Summe seiner Leistung nicht unterdrückt werde. Ihm ward das Glück, daß seine Frau in verständnisvoller Einfühlung in sein Denken und in Form und Richtung seiner Arbeit ihm zur vollgiltigen Gefährtin wurde. Er fand in ihr eine Mitarbeiterin, die ihm jede vom Größeren und Höheren ablenkende Tätigkeit in selbstloser Hingabe abnahm, die vom ersten bis zum letzten Tage an allen Einzelheiten seiner Arbeit geistig teilnahm. Ohne Übertreibung darf gesagt werden, daß Goldsteins Gesamtleistung dieser selbstlosen, dienenden und zugleich urteilskräftigen Hilfe mit zu verdanken ist, daß er ohne diese im Technischen und auch im Sachlichen sich betätigenden Mitarbeit nicht all das hätte wirken können, was zu wirken ihm vergönnt war. Nur soweit diese ideale Lebensgemeinschaft zum Wirken in der Öffentlichkeit gehört, mußte davon gesprochen werden. Das Persönliche mit all seiner Verkettung im Lebensschicksal steht jenseits dieser Grenze, bleibt 322