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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 321

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Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Julius Goldstein
Date
1929-10-01
Page
321 (sequence 9)
Language
German
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Julius Goldstern Ein. Lebensbild Judenheit geraten waren, und sie mit lebenswarmer Frömmigkeit erfüllen. Nichtjuden, vor denen er sprach', — und er suchte die Gelegenheiten zu öffentlicher Aussprache — wollte er zum Verständnis jüdischer Art und jüdischer Geisteswerte bringen und vor ihnen die Mißverständnisse zerstören, in die auch Ehrliche, verführt durch eine verlogene demagogische Agitation, geraten waren. An unserem größten Festtag, dem Versöhnungstage, wiederholen wir die Worte des Propheten, die Worte der Verheißung: „Du wirst genannt werden Vermaurer der Risse." Er war ein Mann, der Risse vermauerte, der die Klüfte, die innerhalb des deutschen Volkes, zwischen den einzelnen Menschen sich auftun, mit der Kraft seiner Rede heilte. Damit jene Arbeit an der Erweckung des deutschen Verantwortungsgefühls und eines jüdisch-religiösen Eigenbewußtseins nicht in gelegentlicher Rede verhalle, in gelegentlicher Schrift verströme, schuf er als ihren dauernden Mittler den „Morgen". Diese Zeitschrift sollte dem geistigen Schicksal des Judentums in Deutschland dienen; sie sollte die Bedeutung des Judentums für die Formung der Gegenwartskultur aufschließen; sollte den Anteil des geschichtlichen und des gegenwärtigen Judentums an der Entwicklung und Befestigung des religiösen Gedankens in der Welt darstellen. Als Leiter des „Morgen" zog Goldstein mit sicherem Takt Menschen aus allen Bekenntnissen, aus allen Kulturbezirken heran; sie hatten aus ihrem Eigensten zu geben, und der „Morgen" wurde so zu einem Mittel der Annäherung der Bekenntnisse, der gegenseitigen Verständigung, der Herstellung einer Einheit aller wirkenden religiösen Kräfte. Aber darüber hinaus wurde er zu einem Zeugnis derftschen Geisteslebens und neuzeitlicher deutscher Stilkunst. Das ist wesentlich auf Goldsteins persönlichen Einfluß zurückzuführen. Selbst begabt mit einem feinen Stilgefühl und der Fähigkeit, auch das Schwierige einfach und verständlich darzustellen, wachte er darüber, daß seine Mitarbeiter sich ihrer Verantwortung gegenüber dem Genius der Sprache bewußt blieben, und er scheute sich nicht, sie mit Nachdruck darauf hinzuweisen. Nicht zum letzten verdankt der „Morgen" die Stellung, die er sich im deutschen Geistesleben errungen, und die Anerkennung, die er in den geistig und religiös interessierten Kreisen aller Bekenntnisse gefunden hat, dieser wachsamen und bewußten Leitung Goldsteins. Eine Vereinigung von so vielfältigen, nicht auf einer Ebene liegenden Begabungen, ist etwas durchaus Seltenes. Kein Wunder darum, daß das Gefühl aufsteigt, man wisse nicht, wie diese Lücke, die mit seinem Heimgang gerissen, voll ausgefüllt werden könne. Es mag auf jedem einzelnen Gebiete des 321

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