Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 320 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann „ihn an seiner rechten Hand ergriffen und führe", gab es nicht einen Augen- \ blick, in dem er nicht im tiefsten um das Ewige und Unvergängliche wußte, das \ über allem irdischen Sein uns geschenkt ist. Zu der Verbundenheit mit Gott, gesellte sich die bewußte Verbundenheit mit der jüdischen Lehre, ihren Ge-; danken und ihrem Ziel. Seine jüdische Frömmigkeit war lebensvoll beseelt, war die Frömmigkeit nie ruhender Neuschöpfung. Stark und fest wurden in seinem eigenen Hause die frommen Bräuche neu gefunden, und ein Leben in jüdischer Frömmigkeit nach den Gedanken und Möglichkeiten der Gegenwart geformt. Seine jüdische Frömmigkeit war gespeist aus der Bibel, die ihm der. Quell steter Erhebung und seelischer Kräftigung war; deshalb setzte er sich auch dafür ein, die der Bibel entfremdeten Juden wieder in feste Beziehung zu ihr zu bringen. Weil er selbst ein von Frömmigkeit erfüllter Mensch war, weil er selbst tief in seinem Eigensten, in der jüdischen Religiosität, wurzelte, darum hatte er auch ein tiefes Verständnis für jede andersgeartete Frömmigkeit, darum konnte er mit jedem Frommen anderer Religiosität so leicht sich verständigen und den Weg finden zu dem Ziel, das allen gesetzt ist. Aus seiner jüdischen Frömmigkeit heraus kam ihm ein neuer Antrieb zu j seinem Kampf gegen die Überspannung des Rassegedankens, gegen die Aus-; schreitung der nationalistischen Überhebung. Es war seine Frömmigkeit, die ihn, noch stärker als sein Erkennen, spüren ließ, daß hier ein Irreligiöses, ein Heiidnisches, ein Widergöttliches sich erhob in unserer Welt. Aus seiner Frömmigkeit floß sein Kampf für den Frieden der Welt, für Volks- und Völkerveri söhnung. Sein letzter öffentlicher Vortrag, gehalten in der Hauptversammlung des Hessischen Landes-Lehrervereins, behandelte das Thema „Die Schule im; Dienst der Volksversöhnung und Völkerversöhnung". Groß und weithinreichend war die Wirkung, die er durch die rednerische j Wiedergabe seiner Gedanken ausübte. Es gab kaum eine Landschaft in unserem I Vaterlande, in deren Mitte er nicht vor Menschen aller Art und aller Bekenntnisse, aller politischen Richtungen und Parteiungen über die Dinge geredet hätte, die sein Innerstes so tief bewegten. Was er hier gewirkt aus der Klarheit seines Denkens, aus der Schönheit seiner Rede, aus der inneren Bewegtheit seiner Seele, das machte ihn zu einem der stärksten Führer unserer Gegenwart. Und er wußte, wohin er führen wollte. Die Juden wollte er hinführen zur Kenntnis ihres geistigen Erbes, zur Ehrfurcht vor ihm, er wollte hinausführen aus der Oberflächlichkeit und der Seichtheit, in die große Teile der deutschen 320