Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 318 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann wandte, wurde sein Blick auf die gedanklichen Grundlagen der politischen Strömungen innerhalb des eigenen Landes gelenkt. Ohnedies war mit der Revolution und der starken geistigen Regsamkeit und Beweglichkeit, die damals Deutschland ergriffen hatte, die Aussicht gestiegen, die Menschen dauernd politisch zu interessieren und dieses Interesse geistig zu beleben. Die Wahrheitsliebe, die innere Wahrhaftigkeit, ohne die es keinen Weg zum Erkennen gibt, trieb ihn nun dazu, die Grundlagen der Beziehungen der Gesellschaftsschichtung und der Politik auf ihren Wahrheitsgehalt zu prüfen. Neben anderen Ideologien war es die völkische, die von jenen Tagen her mit dem Anspruch auftrat, der gestaltende Faktor deutschen Lebens zu sein. In der Darstellung und Kritik der völkischen Ideologien und in der Herausarbeitung der wahrhaften, sittlichen Volksidee erreichte Goldstein den Höhepunkt seines praktischen Wirkens. Und es war nicht so, daß er als Jude um der durch die völkische Idee bedrohten Stellung der Juden willen, zu dieser seiner philosophischen und praktischen Arbeit kam, sondern es war der philosophische Grundzug seines Denkens, sein glühendes Streben nach Erkenntnis und Wahrheit, das ihn anregte und vorwärts zwang. In zwei größeren Werken — abgesehen von den vielen verstreuten Aufsätzen und Reden — setzte er sich vom Philosophischen her mit der völkischen Politik auseinander in „Rasse und Politik" und in „Deutsche Volksidee und Deutsch-Völkische Idee". Mit der Klarheit des Denkens, die ihn auszeichnete, zeigte er die Unklarheiten und Verschwommenheiten auf, die bei dem landläufigen politischen Gebrauch', oder vielmehr Mißbrauch der Worte Rasse, Nation, Volk, völkisch, nationaler Gedanke, Minderheitsrechte mitschwingen; er ging den einzelnen Begriffen bis ins Letzte und Tiefste nach und zeigte, mit welchem Leichtsinn aus einer willkürlichen und haltlosen Bestimmung der Begriffe ernste politische Schlüsse gezogen werden und wie gleitend und fließend all diese Worte und Begriffe sind, auf denen antisemitische und mitunter auch jüdische Politiker ein ganzes Gebäude der Politik auf zufuhren bestrebt sind. Seine eigene Antwort auf die Frage nach dem Kriterium der Volkszugehörigkeit ist folgende: „Volk ist nicht etwas Objektives — die Abstammung —, Volk ist etwas Subjektives: Gefühl, Wille, Bekenntnis, ist Tradition und Liebe." Es erübrigt sich, einzelnes hier wörtlich anzuführen. Das Buch „Deutsche Volksidee und Deutsch-Völkische Idee" ist aus Aufsätzen entstanden, die zuerst im „Morgen" zu lesen waren. Erneut herausgehoben seien wenigstens |die folgenden Ergebnisse dieser Werke. In ihnen wird der schlagende Beweis geführt, 318