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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 317

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Julius Goldstein
Date
1929-10-01
Page
317 (sequence 5)
Language
German
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Julius Goldstein Ein Lebensbild waren kaum vorhanden, waren selten, waren ohne Preisgabe von Überzeugungen nicht zu finden. So kam es, daß er sich in Vortragen, einzelnen Zeitschriften- Aufsätzen verausgaben mußte. Gewiß schlug das in mancher Hinsicht zum Guten aus; er übte dadurch gleichsam eine erweiterte Lehrtätigkeit aus; Tausende haben hier von ihm gelernt, — und er war durch seine geniale Redegabe, durch seine blendende Stilistik, durch sein Temperament und seine pädagogische Geschicklichkeit, schwierige Fragen klar darzustellen, zum Lehrer geschaffen. Er hat sicherlich auch manche Bereicherung seines eigenen Wissens und der Wixkensmöglichkeiten erfahren, manche Gedanken wurden durch den Zwang zur verantwortungsvollen Wiedergabe tiefer und schärfer durchdacht,, personliche Bekanntschaften wurden gemacht, die später der Arbeit am „Morgen" zugute kamen; er lernte Verhältnisse und Menschen kennen und entdeckte die geistigen Bedürfnisse, die zu erwecken und zu befriedigen nottat. Aber wo blieb da Zeit zur kontinuierlichen Forscherarbeit? Gewiß, das Judentum hat von dieser Art außeramtlicher Lehrtätigkeit einen großen Gewinn gehabt; aber wenn es damals eine Einrichtung nach Art einer Akademie gegeben hätte, die einem Menschen solchen geistigen Wuchses die Möglichkeit eines ruhigen Forschens vermittelt hatte, — was hätte er da für die Allgemeinheit und dadurch indirekt für die jüdische Gemeinschafl leisten können! Als er im Herbst 1925 endlich nach langen Kämpfen einen Lehrstuhl an der Hochschule erhielt, kam die schwere Krankheit über ihn, lähmte seine Schaffenskraft gerade in dem Augenblick, da er endlich die äußere Sicherheit zu freiem Schaffen und zu systematischem Aufbau der Gedanken gehabt hätte. Bis in die letzten, von persönlichem Hoffen erfüllten Wochen seines Lebens verfolgte ihn der Plan der Arbeit am System der Philosophie, er hatte sie für die nächsten Jahre geplant, der Tod nahm ihm die Feder aus der Hand. Wenn vorhin von einer Philosophie die Rede war, die auf die Gestaltung hinzielt und in einem höheren Sinne praktisch sein will, so sollte damit nicht das Praktische im Sinne der materiellen Nützlichkeit gemeint sein. Vielmehr sollte es bedeuten, daß aus dem Denken und Erkennen die Grundlagen und Formen des Lebens gestaltet werden sollten. Zu ihnen aber gehört wesentlich die Summe dessen, was wir Politik benennen. Auch Politik, und vor allem die Politik, aus der die Regelung der Beziehungen der Menschen zueinander innerhalb des Staates sich ergibt, muß auf bestimmte Ideen, auf Voraussetzungen des Denkens und der idealen Seelenhaltung zurückgehen. Indem Goldstein sich der Darstellung der Soziologie heutiger Lebens- und Gemeinschaftsformen zu- 317

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