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Der Morgen · 1929-10-01 · Heft 4 (Oktober 1929) · p. 316

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
5 (1929-1930)
Issue
Heft 4 (Oktober 1929)
Article
Julius Goldstein
Date
1929-10-01
Page
316 (sequence 4)
Language
German
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Max Dienemann 1923/24 wurde Goldstein dann zu Vorlesungen nach Amerika berufen, und er fand dort in weiten Kreisen Beachtung und Anerkennung. Es ist leicht einzusehen, daß eine so aufs Praktische gerichtete und doch nicht im Praktischen versinkende Form des Philosophierens gerade an der Technischen Hochschule ihren großen Segen entfalten konnte. Kommt es an ihr doch wesentlich darauf an, die Menschen, die den Stoff zu gestalten haben, die in ihrer Arbeit ganz an den Stoff gebunden und von ihm abhängig sind, mit dem Gedanken zu erfüllen, daß es Aufgabe ist, der Arbeit am Stoff einen Sinn zu geben, an ihm die gestaltenden Kräfte des schöpferischen Lebenswillens zu bewähren, zum Bewußtsein dieser gestaltenden Kraft zu erwecken und ihr eine ethische Richtung zu geben. Von den Schriften und Aufsätzen, in denen Goldstein an Erscheinungsformen des modernen Lebens diese Aufgabe der Sinngebung am Praktischen erfüllte, seien u. a. hervorgehoben „Die Technik", „Zur Soziologie der Presse". Kein Wunder, daß seine Art des Lehrens und der Gedankenformung großes Interesse erweckte, ihm einen großen und ständig wachsenden Hörerkreis schufen. Dieser erfuhr noch eine erhebliche Erweiterung, als Goldstein mit Vorlesungen an den mit der Technischen Hochschule verbundenen neuen hessischen pädagogischen Instituten zu Darmstadt und Mainz betraut wurde und ihm zu einem wesentlichen Teil die Verantwortung für die neue Form der Lehrerbildung, für die Erziehung der künftigen Volksscihullehrer übergeben wurde. Es war nicht nur seine wunderbare Kunst der Rede, die Klarheit seines Vortrages, die seine Kollegs so anziehend und so stark besucht machte: es war die unter den Hörern rasch aufkeimende Überzeugung, daß hier eine nicht im Abstrakten sich verlierende Philosophie gelehrt wurde, sondern eine, die die Sehnsucht gerade des im Praktischen Wurzelnden erfüllte. Es ist die Tragik seines Lebens, daß er nicht dazu kam, ein geschlossenes System der Philosophie zu entwickeln. Die Sorge um die Sicherung seiner Existenz und um die Erhaltung seiner Familie legte ihm den Zwang auf, Vorträge zu halten. In jenen Jahren — ist es heute wesentlich anders? — war ein Privatdozent an einer deutschen Hochschule völlig auf sich selbst gestellt. Wenn man nicht vermögend war, war man gezwungen, in der Tagesfron sich' zu verzetteln; zu großangelegten, über Jahre sich spannenden Arbeiten, die nur geleistet werden konnten in der verhältnismäßigen Sorglosigkeit einer festen und gesicherten Existenz, konnte ein Familienvater nicht kommen. Einem strebenden Menschen, der der Welt etwas zu sagen hatte, die Vorbedingungen zu einem ruhigen, der Arbeit und dem Forschen gewidmeten Leben zu geben, 3t6

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