Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 315 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Julius Goldstern Ein Lebensbild irische Hochschule eine moderne Richtung des Praktischen verkörpern sollte, um die Wirtschaft und Arbeitsform der Gegenwart zu fördern. Indem wir diese Frage stellen und sie so, allerdings ein wenig roh, formulieren, rühren wir an die Wandlung philosophischen Denkens. Von alten Zeiten her war man gewöhnt, Philosophie als rein Begriffliches, nur Abstraktes zu betrachten, als ein von allem Tun abgelöstes Denken und Erkennen, als etwas, was mit dem Alltag und all seinem Tun und Treiben, mit Arbeit, Geschäft, Politik* Wirtschaft nicht das Geringste zu tun hat, zu tun haben darf; im Pendelausschlag lehnte eine andere realistische Richtung alles philosophische Denken als Begriffsspielerei ab und sprach nur dem mit den Sinnen Wahrnehmbaren, dem Wäg- und Meßbaren Wahrheit zu; im Gegensatz zu beiden waren allmählich andere Richtungen emporgekommen. Zum Inhalt der Philosophie wurde jetzt die Sinngebung des Lebens, auch des gegenwärtigen, in all seinen Erscheinungen und Notwendigkeiten, und aus dieser Sinngebung hieß es, eine Linie des Handelns und des Wirkens zu entwickeln. Es kam jetzt aber auch darauf an, über Begriffsspalterei hinaus den praktischen Nutzen alles Erkennens zu ermitteln, die in Arbeit zu verwirklichenden Werte alles Wahrheitsuchens und Wahrheitfindens zu ergründen. Sinngebung ist nur da möglich, wo über Nutzen und Zweck hinaus Ideen vorhanden und anerkannt sind und wo aus ihnen heraus gestaltet wird. Indem man ihnen nachgeht und ihr Recht auf Beherrschung des Lebens anerkennt, erhält auch das Religiöse einen neuen Schwung, wird der religiösen Erfahrung ein Wahrheitsgehalt zuerkannt, den man eine Zeitlang nur der Sinnerfahrung zugesprochen hatte. Zugleich erweiterte sich der Kreis des Erkennens, eine Richtung kam auf, die ein wahrhaftiges Erkennen nur ' darin erblickte, sich einzufühlen in die schöpferische Kraft des Lebens selbst, die eine solche schöpferische Kraft voraussetzte und die dank ihr einer Weltanschauung das Wort redete, die auf das Formen und Gestalten hinzielte. E u c k e n, der Deutsche, James, der Amerikaner, Bergson, der Franzose, sind die hervorragendsten Vertreter solchen Philosophierens. Durch sie wurde Goldstern entscheidend beeinflußt, er, Eucken-Schüler und später Anreger und geistiger Urheber des Eucken-Bundes, machte als erster die deutsche Öffentlichkeit mit Bergson bekannt, vermittelte, nach persönlicher Bekanntschaft mit James dessen Gedanken der deutschen Leserwelt. Wäre James nicht 1910 unerwartet gestorben, so hätte er seine Absicht ausgeführt, Goldstein als Austauschprofessor nach Amerika zu bringen. 3X5