Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 4 (Oktober 1929)
- Article
- Julius Goldstein
- Date
- 1929-10-01
- Page
- 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann vielleicht ward ihm von hier aus eine bestimmte Sinnesart und der Hang zum Erkennen als ein Geschenk mitgegeben, das ihm gnadenvoll Glück des Schauens und Unruhe des Vorwärtsstürm ens vermittelte. Er besuchte die Talmud-Thora-Schule seiner Vaterstadt und absolvierte dann die Oberklassen des Realgymnasiums. Dabei hatte er das Glück, in die Hände von Lehrern zu kommen, die, von einem neuen Ziel des Unterrichts ergriffen, Schüler zu gewinnen und zu interessieren verstanden, die seine Begabung ahnten und aufmunternd förderten. In wenigen Monaten holte er für sich das gesamte Lateinpensum von der Sexta bis zur Obersekunda nach, ein Beweis seiner Leidenschaft des Lernens, die ihm bis zuletzt eigen war. Auf dieser Anstalt legte er noch, dank den vorzüglichen Methoden fremdsprachlichen Unterrichts, den Grund zu seinen außerordentlichen Kenntnissen fremder Sprachen, die ihn später dazu befähigten, französische und englische Philosophie der Gegenwart dem deutschen Leserkreis zu vermitteln. Noch in seinen letzten Lebensmonaten sprach er bewundernd und dankerfüllt von dem Sprachunterricht, den er einst genossen. Unter schweren Kämpfen und gegen Widerstände stärkster Art erzwang er sich den Zugang zur Universität und insbesondere zum Studium der Philosophie. Nur unter härtesten Entbehrungen, ganz und gar auf sich gestellt, konnte er sein Studium fortsetzen und vollenden; es blieb ihm aus diesem Zwang der entscheidenden Jünglingsjahre eine Strenge gegen sich selbst, die ihn bis zum letzten Atemzuge nicht verließ. Nach seiner Promotion — ihm wurde bei seiner Doktorprüfung in Jena das Prädikat summa cum laude zuerkannt, was dort i4 Jahre lang in Philosophie nicht mehr der Fall war — und nach Erfüllung seiner militärischen Dienstpflicht, nahm er, um seine Studien in London fortsetzen zu können, eine Hauslehrerstelle dort an. Mit einer Schrift über David Hume habilitierte er sich' 1902 an der Technischen Hochschule in Darmstadt als Privatdozent für Philosophie. Was aber hat Philosophie, diese ganz und gar auf das Geistige hinzielende Wissenschaft an einer Technischen Hochschule, deren Arbeit lediglich der Beherrschung des Stofflichen gilt, zu tun? Technische Hochschulen sind doch ursprünglich von der universitas literarum losgelöst worden, weil diese geschichtlich aus dem Philosophiestudium hervorgegangen war, und in ihrer Form geprägt worden ist zu einer Zeit, da man in Philosophie das einzig umfassende Bildung-Gebende und -Verbindende erblickte, und weil die tech- 314