Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 146 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann niedergelegten Äußerungen zu ihr. Diese im jüdischen Schrifttum niedergelegten Äußerungen sind angesichts des Einflusses derer, aus deren Mund sie stammen, und der Anerkennung, die sie als Volksführer genossen, nicht literarisch, also papieren, zu werten, sondern sie sind wirkliche Zeichen der Denkart der Gesamtheit, des Willens ihrer Führer und des Willens der Massen. Sie sind dank dem lebendigen Einfluß, den die Tradition und die Thora in all ihren Verzweigungen je und je ausgeübt hat, nicht als Stimmen aus einer längst erstorbenen Vergangenheit zu betrachten, sondern als unmittelbare, in jeder Zeit lebendige Äußerung des Geistes der jüdischen Gemeinschaft. Das war stets die Voraussetzung, aus der man Thora studierte und sich mit ihr in Verbindung hielt, daß sie der lebendige Ausdruck der in jedem Geschlecht sich erneuernden göttlichen Offenbarung ist, daß jedes Geschlecht in ihr den Willen Gottes erfährt, den es für die Ordnung der Welt aufzunehmen die Pflicht hat. Das war nicht nur Forderung, sondern unmittelbar erfühltes, stets waches religiöses Bewußtsein. Von da aus gesehen sind Bibel und jüdisches Schrifttum Zeugnis jüdischer Religiosität und deren ständige Bildnerin. Was ergibt sich nun aus der Bibel und der alten jüdischen Geschichte und Kulturgeschichte für die Stellung des Judentums zu Krieg und zu Frieden? Zunächst ist ohne jede Beschönigung festzustellen, daß es in der biblischen Zeit und in der ganzen Periode der Staatlichkeit Israels Krieg gegeben hat, daß also die jüdische Geschichte und das Judentum nicht sofort mit einer unbedingten Ablehnung des Krieges beginnen; das wird keinen Wunder nehmen, der auch die Religion und die religiösen Gedanken einer Entwicklung Untertan weiß. Wichtig ist nun festzustellen, wie früh die Richtung auf den Frieden und die Ablehnung des Krieges einsetzte, wie es zu der Zeit, da Krieg war und noch als selbstverständlich galt, mit dem bestellt war, was man Kriegs¬ und Friedensgesinnung nennen kann, und wie sich das in Handlungen und giltigen Verordnungen ausprägte. Es ist schon bezeichnend, daß zwar von der kriegerischen Inbesitznahme Palästinas die Rede ist, daß aber darüber hinaus Eroberungsabsichten nicht zum Ausdruck kommen, und wo Könige die Waffen erobernd über die Grenzen tragen, das im Gegensatz zum religiösen Willen der Führer und des Volkes geschieht; daß zwar in den 5 Büchern Moses von einer allgemeinen Dienstpflicht die Rede ist, aber dann später von Söldnern berichtet wird, die die Könige sich hielten, woraus der Schluß auf die Abneigung des Volkes gegen kriegerische Handlungen gestattet ist; daß abgesehen von der ersten 146