Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 5 (1929-1930)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1929)
- Article
- Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens
- Date
- 1929-06-01
- Page
- 145 (sequence 5)
- Language
- German
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Der Beitrag des Judentums zur Verwirklichung des Völkerfriedens nationalen Leidenschaft regiert, der, nachdem Krieg nun einmal ausgebrochen ist, das Land und seine Bewohner insgesamt ergreift; die Frage nach dem Recht, Krieg zu beginnen, nach dem Recht des Krieges als eines Mittels der Regelung staatlicher und volklicher Beziehungen trat an ihn bisher nicht heran, weil es dem einzelnen Burger nicht möglich war, auf diese wichtigste Frage des Völkerlebens entscheidend einzuwirken. Erst in unserer unmittelbaren Gegenwart vollzieht sich die verantwortungsvolle Anteilnahme der Bürger am Staat, und an seinen letzten Entscheidungen. Mit der Teilnahme des Burgers an der Politik des Landes, damit, daß er sich für sie verantwortlich fühlt, mit der MögKchkeit, daß irgend jemand, gleichgiltig welcher Schicht er entstammt, an der Leitung des Staates in unmittelbarer Verantwortlichkeit teilnimmt, beginnt der wirkliche Anteil des Juden und seine Einwirkung. Jetzt also erhält die Frage: Wie hat sich der Jude zur Friedensfrage zu stellen? eine unmittelbare Bedeutung, beginnt sie für ihn ein Problem zu werden, und zwar nicht in der Form: Wie hat er sich mit Rücksicht auf seine staatsbürgerliche Stellung dazu zu verhalten? sondern in der Form: Wie hat er sich aus dem seine Lebensführung, seine sittliche Haltung und Betätigung Bestimmenden zu verhalten? Und das Bestimmende des Juden ist überall da, wo man sein Wesen nicht rein national, rein völkisch erfaßt, das Religiöse. Die Frage ist überhaupt nur zu stellen, wo man anerkennt, daß zum Judesein ein bewußt erfaßtes, bewußt aufgenommenes Geistiges gehört. Voraussetzung des Ganzen aber ist und bleibt, daß Staat, Politik, Wirtschaft nicht als Gebilde eigener Souveränität, eigenen Rechts, außerhalb der Sphäre der Religion und der Sittlichkeit bestehen, sondern daß das religiöse Bewußtsein sie regieren und bestimmen müsse; Voraussetzung ist, daß diese These entweder verwirklicht oder allgemein anerkannt ist, oder daß die religiös bewegten Menschen den Willen haben, die Welt von heute aus dieser Überzeugung heraus umzugestalten. Fragt man nun aber, woher man weiß, welche Linie die jüdische Religion in der Richtung auf die Entscheidung der Kriegsfrage einschlägt, welches hier die Zeugnisse der jüdischen Religiosität sind, so ergibt sich das Folgende. Von einem durch praktische Tat abgelegten Zeugnis kann in den letzten .16 bis 18 Jahrhunderten aus den oben angeführten Gründen nicht die Rede sein. Die Zeugnisse jüdischer Religiosität in dieser Frage liegen in der tatsächlichen Haltung in biblischer Zeit und bis zu den Aufständen gegen Rom; sie liegen ferner in den im jüdischen Schrifttum biblischer und nachbiblischer Zeit 145