Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 4 (1928-1929)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1929)
- Article
- Der "Diener des Ewigen"
- Date
- 1929-02-01
- Page
- 584 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Norden Auge, zweifellos etwas Bestechendes. Durchgehend herrscht diese Auf fassang im Neuen Testament. Im Evangelium des Matthäus lesen wir (8, i6f.): „Am Abend aber brachten sie viele Besessene zu ihm (Jesus); und er trieb die Geister aus mit Worten und machte allerlei Kranke gesund, auf daß erfüllet würde, was gesagt ist durch den Propheten Jesaja, der da spricht: «Er hafc unsere Schwachheiten auf sich genommen, und unsere Seuchen hat er getragen»". Im Evangelium des Markus heißt es (9, 12): „Des Menschen Sohn soll viel leiden und verachtet werden." Und im Evangelium des Johannes (1, 29): „Des andern Tages siehet Johannes Jesum zu ihm kommen und spricht: Siehe, das ist Gottes Lamm, welches der Welt Sünde trägt." Der neutestamentlichen Auffassung vom „Diener des Ewigen" haben sich viele Jahrhunderte lang sämtliche christliche Bibelforscher angeschlossen. Auch in der neueren Zeit huldigen ihr noch manche christliche Erklärer. So meint z. B. Franz Herrmann: „Ohne Einnahme des christlichen Standpunktes ist es schwer, ja geradezu unmöglich, sich in den einzelnen Weissagungen zurechtzufinden." *) Dieser „individuellen" Deutung des Gottesdieners gegenüber vertreten jedoch in der neueren Zeit andere christliche Forscher die „kollektive" Deutung und begegnen sich so mit sämtlichen jüdischen Bibelerklärern. So bemerkt Bleek2): „Wenn wir aber nicht bloß einzelne Stellen für sich betrachten, sondern den ganzen Zusammenhang der Weissagungen, durch welche dieser Begriff sich hindurchzieht, so läßt sich nach meiner Überzeugung als entschieden ansehen, daß der Prophet nicht eine einzelne Person versteht, sondern, daß die frommen und standhaften Verehrer und Diener Jehovas im aügemeinen gemeint sind, das Israel xccxa irvtvftcc das eigentliche Volk Gottes, im Gegensatz nicht bloß gegen die heidnischen Völker, sondern auch gegen die Kasse des Volkes Israel". Die gleiche Ansicht vertritt Wellhausen1): „Es wäre vermessen,", meint er, „von dieser (der kollektiven) Deutung abzuweichen and an ein Individuum zu denken". Wenn Bleek, Wellhausen und andere christliche Forscher die Jahrhunderte lang üblich gewesene individuelle Deutimg des Gottesdieners ablehnen und sich die jüdische kollektive Deutung zu e'gen machen, so ist das ein erfreuliches Zeichen für ihr objektives Forschen, für ihre streng wissenschaftliche, von *) Franz Hermann: Das Buch des Propheten Jesaja. Leipzig, Reclam, S. 17. 2) Bleek: Einleitung in das Alte Testament. 6. Auflage, besorgt von J. WelUiausen. Berlin, Georg Reimer, 1893, S. 398. i) J. Wellhausen: Israelitische und jüdische Geschichte, 4. Auflage, Berlin, Georg Reimer, S. i5g. 584