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Der Morgen · 1928-02-01 · Heft 6 (Februar 1928) · p. 671

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 6 (Februar 1928)
Article
[Rezension]
Date
1928-02-01
Page
671 (sequence 3)
Language
German
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Anzeigen die sich einen König suchten (g, s-15): Einst gingen die Bäume, gingen, Ober sich einen König zu salben. Sie sprachen zur Olive: Sei König über uns. Die Olive sprach zu ihnen: Stockt mir denn mein Fett, mit dem man Götter und Menschen ehrt, daß ich gehen sollte, über den Bäumen zu schwanken? Da sprachen die Bäume zur Feige: Geh du, sei König über uns. Die Feige sprach zu ihnen: Stockt mir denn meine Süße, mein gutes Gedeihen, daß ich gehen sollte, üljer den Bäumen zu schwanken? Da sprachen die Bäume zur Rebe: Geh du, sei König über uns. Die Rebe sprach zu ihnen: Stockt mir denn mein Most, der Götter und Menschen erfreut, daß ich gehen sollte, über den Bäumen zu schwanken? Da sprachen die Bäume alle zum Wegdorn: Geh du, sei König über uns. Der Wegdorn sprach zu den Bäumen: Wollt in Treue ihr mich zum König über euch salben, kommt, duckt euch in meinen Schatten' sonst aber: ausfahre Feuer vom Wegdorn und fresse die Libanonzedern! Max Dienemann. Die Offenbacher Haggadah. Verlag des Herausgebers Dr. Guggenheim, Offenbach a. M. Broschiert RIß 60.— . Es ist unserer Zeit eigentümlich, daß allenthalben die Klage erschallt, die uralten Quellen des Lebens seien versiegt. Religion d. h. Verbundenheil mit dem Ewigen, sei eine unserer Zeit nicht mehr mögliche Form geistigen Lebens und dieser bedauerliche Mangel verurteile unsere Kultur zu einem langsamen Sterben. Tot seien die alten Kulte und neue religiöse. Erweckung komme, wenn überhaupt, nur aus der Tal eines religiösen Genius, dem, im Unterschied zu früheren Religionsstiftern, die schwierige Aufgabe obliege, das heilige Feuer neu zu entzünden. Wer aber geistiges Land durchstreift mit der Wünschelrute, die die verborgenen Quellen anzeigt, wird gar bald merken, daß sie an vielen Stellen unerwartet zuckt, um ihm von unterirdischem Wasser zu melden, das fern von der Oberfläche im Verborgenen quillt. Wen solcher Ströme glorkentiefes Raunen trifft, der mag mit Freude ihnen lauschen und wird gerne Freunden von ihnen erzählen, daß sie mit ihm auf die Töne der Tiefe hören. Ein solcher Fund war mir die von Dr. Guggenheim im Selbstverlag herausgegebene Haggadah. Haggadah bedeutet Erzählung, die Erzählung vom Auszug der Kinder Israel aus Ägypten. Am Sederabend, dem Abend vor Pesach, erzählt der Familienvater den Kindern von der uralten Überlieferung der Knechtschaft des Volkes und seiner Erwählung zum pri«sterlichen Volke. Aus diesem Kern ist in uralter Übung ein Festritual für die religiöse Begehung dieses Abends entstanden. Hier liegt uns nun eine solche „Festordnung" vor, wie sie der Herausgeber in seiner Familie seit Jahren übt. Nun gibt es gewiß eine ganze Reihe von Haggadah-Texten, darunter Handschriften aus dem 10. und i4- Jahrhundert, oft geziert mit kostbaren Miniaturen. Das Auszeichnende dieser uns vorliegenden Haggadah ist ihr Nebeneinander vom deutschen und hebräischen Text. In weiser Einsicht hat der Herausgeber nicht etwa unter Zerstörung der Überlieferung auf die. alte Kultsprache, in der das Geheimnis der religiösen Überlieferung geborgen ist, verzichtet. Er hat nur dort, wo die alte Überlieferung zu versinken droht, sie durch Heraushebung alten Brauchs und alten Wortes wieder „sinnvoll" gemacht. Im Tone schlichter Innigkeit einfältig, wie der gottabhängige Mensch erzählt, wird uns von der Tradition des „auserwählten Volkes" von den Pflichten der Erwählung und von den Freuden des Lebens in und mit Gott erzählt. Ein ganzes Leben in Gottverbundenheit wo selbst die alltägliche Handlung gebunden ist an die eine zentrale Quelle allen geistigen Lebens, ersteht in dieser Festordnung vor unserem erstaunten Auge. In ihrem Nebeneinander vom hebräischen Text und deutscher Umschreibung wird sie dem, der die alle Kultsprache nicht mehr vollkommen beherrscht, eine ersehnte Hilfe zur erneuten Vertiefung in die alten Glaubensquellen und die Überlieferung der Väter. Uns, die wir als Nichtjuden diese Haggadah betrachten, ist sie vor allem wertvoll als ein Dokument echter religiöser Kultur, gewachsen aus der Tradition des Hauses. Voll Verwunderung und Freude sehen wir aus diesem Text, daß die Hüter alten Erbgutes auch heute 67t

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