Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 6 (Februar 1928)
- Article
- [Rezension]
- Date
- 1928-02-01
- Page
- 672 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- spine
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Anzeige» noch unlex uns weijen und es mit sorgsamer Ehrfurcht an die Jugend weitergeben, damit sie „den Weg" nicht vergesse. Daß es gejungen ist, von diesem Erbgut uns in deutscher Sprache zu erzählen, in Worten, die uns Heutige ergreifen und erschüttern, ist der Beweis für die lebendige Kraft dieses „Gehaltes". Ihr danken wir die Entstehung dieser deutschen Haggadah. Auch das Kleid des Bandes, Anordnung, Druck und Buchschmuck sind geformt von dem Geist, der sich hier bekundet, dem Geiste hoher Kultur. „Leben gab dem Buch der Geist des Hauses, er wirke weiter l" Otto K a 111 e r. Hermann Bahr: Der Zauiberstab. Tagebücher 192/1/26, Verlag Franz Borgmeyer, Hildesheim 1927. 388 Seiten, geb. 9 Mk. Ich habe diese Tageblätter mit Genuß gelesen. Bücher, Menschen, Ereignisse ziehen an dem Leser vorüber: Hermann Bahr faßt sio in wohlabgewogene Worte, die bald neckisch und humorvoll, bald ernst und getragen dahinströmen — kein schriller Mißton stört die Betrachtungen eines Mannes, der procui negotiis das stürmische Leben zum Abglanz weiser Beschaulichkeit verklärt. Diese Tagebücher lesen «eh wie eine Erläuterung zu Ciceros de senectute. So möchten wir uns seiübst wünschen,; am Abend des Lebens die Dinge zu sehen und zu erfahren: Sie reizen nicht mehr auf, sie erregen nicht mehr unsre Leidenschaft, sie spiegeln sich nur noch im verleuchtenden Glänze einer Dämmerung, die alle schroffen Konturen auflöst in weiche weitschwingende Linien. Der Abendwind des Friedens weht uns aus diesen Blättern entgegen. Von den Konflikten des Daseins ist nichts mehr zu spüren. Selbst das tadelnde; Wort igt in milde Resignation gehüllt. Wer noch im Kampfe des Lebens steht, wird wohl hie und da ungeduldig. Es ist nicht jedem gegeben, über Hitler, über den Zusammenbruch, über schreisende Ungerechtigkeiten der Zeit so ruhig zu bleiben wie Hermann Bahr. Alles verstehen heißt denn doch nicht, alles verzeihen. Und wenn man alles verzeiht, kommt, es nicht immer daher, daß man alles versteht, zumal wenn diese Verzeihung manchmal erkauft wird durch eine parteiische Voreingenommenheit. Hermann Bahr ist in poüticis — Partei: nicht in dem engen Sinn des Parteifana-i fifeers, aber in dem weiteren des Parteifreundes, Sein Urteil über den Krieg, über den Hitlerprozeß, über die Revolution, verraten wenig Verständnis für die Motive und Schicksalsmächte, die sich hier auswirken. Er urteilt aus der Empfindung, der Vorkriegsgeneration; er empfindet, was verloren gegangen ist, — er empfindet aber weniger die Schuld, durch die es verloren gehen mußte. Sein Konservatismus sieht mehr das Unzulängliche unserer gegenwärtigen Zustände, als die Kräfte, die in die Zukunft weisen. Sind seine Augen trübe geworden? Oder will er nicht weiterschreiten? Diese Tagebücher, die sich nur über zwei Jahre erstrecken, erfreuen durch die Fülle treffender Bemerkungen über wertvolle Bücher und Menschen. J. G. Schapiro Dr. Israel: Der Antisemitismus in der französischen Literatur. Philo-Vcrlag 1927. ißo S- Diese, soeben erschienene gewissenhafte Arbeit bestätigt für das Frankreich des Mittelalters und der Neuzeit: Religiöser und rassischer Antisemitismus sind Atavismen, die jeweils erst durch den sozialen und wirtschaftlichen Antisemitismus wiederbelebt werden, um dann, wissenschaftlich aufgeputzt, als neue Entdeckungen die Umwelt der Juden zu vergiften. In Frankreich hat sich dieses soziologischo Gesetz, das übrigens Schapiro nicht formuliert, im IX. und im XIX. Jahrhundert verwirklicht: Der Bischof Agobard von Lyon („De insolentia; Judaeorum") und Edouard Drumont („La France Juive", der größte und lauteste literarische Erfolg einer französischen Feder im XIX. Jahrhundert) sind seine fanatischen, wenn auch unbewußten Vollstrecker. Drumont, dessen Werden- (Einfluß auch des jüngeren Ernest Renan), Wesen (nicht rein idealistisch) und Wirken (Pamphletist schlagkräftigsten Kalibers) den Hauptbestandteil der von gutem wissenschaftlichen Geist getragenen Schrift bildet, hat als Apostel des Antisemitismus religiöser, rassischer und sozialer Prägung von vornherein durch dio Unermüdlichkeit seines Wollens, nicht zuletzt auch durch die Gunst des Augenblicks einen noch nie vorher und nachher dagewesenen Erfolg als politischer Schriftsteller erzielt: Schon ein Jahr nach der Gründung seiner eigenen antisemitischen Zeitung („La Libre Parole") konnte er durch die Dreyfuß - Affäre, die sein Geist überhaupt erst ermöglicht hat, auf zehn Jahre hinaus mit der wilden Suggestion seines 672