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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 498

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Vom jüdischen Gebet
Date
1927-12-01
Page
498 (sequence 4)
Language
German
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Max Dienemann Bitte in knappste Worte zu kleiden. Man hatte einst Gebete geformt, wie etwa die folgenden: „Das Bedürfen Deines Volkes ist groß, aber ihre Einsicht gering, gib Jedem, wessen er bedarf." Oder: „Tue Deinen Willen droben, gib Ruhe des Gemütes hier drunten denen, die in Ehrfurcht vor dir leben, doch tue, was dir gefällt" Es hätte den Sinn des jüdischen Gebetes besser wiedergegeben, wenn es bei solcher Bitte als einem in sich geschlossenen Gebet geblieben wäre. Aber auch in dem uns heute vorliegenden entwicklungsmäßigen Bestand hat sich die alte Grundeinstellung erhalten, in der überragenden Stellung, die man dem Sch'ma und der Keduschah zugewiesen hat, in der Tatsache, daß man selbst von der Schemoneh essreh eine Kürzung und Zusammenfassung gestattete, aber dem Sch'ma seine Stellung und seine Ausdehnung uneingeschränkt wahrt. Nicht nur in dieser Richtung auf die Prüfung des eigenen Lebens an der ewigen Forderung liegt die Eigenart des jüdischen Gebetes, sondern auch in der starken Betonung des Geschichtlichen. Die geschichtlichen Erinnerungen nehmen in dem jüdischen Gebet einen so breiten Raum ein wie in keinem anderen Gemeinschaftskreis. Das Sch'ma ließ man in einen Bibelabschnitt ausmünden, der die Grundtatsache des jüdischen Gemeinschaftslebens, den Auszug aus Ägypten zum Inhalt hat. Und so hat Jahrhundert um Jahrhundert seine Erlebnisse in das Gebet niedergelegt Und selbst wenn die einzelnen Gebetstücke in eine Bitte ausklingen, die Bitte bleibt Ausklang, und man merkt dem Stilgefüge deutlich an, daß sie nicht die Hauptsache ist, sondern die durch die Erinnerung an das Erlebnis der Gesamtheit zu bewirkende Erweckung des Gemeinschaftsgeistes. Man kann ohne Übertreibung sagen, das jüdische Gebet ist Schulung des Gemeinschaftsgeistes, Erweckung und Schulung des Bewußtseins der religiösen Zusammengehörigkeit mit allen Gliedern der jüdischen Gemeinschaft, sowohl in der Aufeinanderfolge der Geschlechter, wie in der Breite der heute Lebenden, Erweckung des Bewußtseins einer gemeinsamen sittlich-religiösen Aufgabe innerhalb der Welt. Nicht das Persönliche steht im Vordergrund des jüdischen Gebetes, sondern die Gesamtheit. Der Einzelne soll sich selbst entdecken als getragen durch die Gemeinschaft, darum ihr verpflichtet und dienstbar, so wird er über sich und sein Bedürfnis hinausgehoben, abgelenkt und auf ein Ewiges, Größeres hingelenkt Das tritt so sehr in die Erscheinung, daß ja auch das Gebet des Einzelnen zunächst Gemeindegebet ist, Gebet, das als Ausdruck der Gesinnung und des Wollens einer versammelten Gemeinde gedacht ist und 498

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