Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Vom jüdischen Gebet
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 499 (sequence 5)
- Language
- German
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Vom jüdischen Gebet nur aus irgendeinem Grunde außerhalb der Gemeinde in der Vereinzelung1 gebetet wird; einer Vereinzelung, aus der man sich im Geist sofort in die Gemeinschaft flüchtet und rettet Und alles Persönliche tritt erst nach dieser Befestigung im Gemeinschaftsgeist in sein Recht. Beten wird innerhalb der jüdischen Frömmigkeit zu einer Bekundung des Willens, sich aus seiner Vereinzelung in eine Gemeinsamkeit zu erheben, das Individuum nicht sich selbst zu überlassen, daß es in seinen Wünschen versinke, und sein Wünschen zum Inhalt des Suchens nach Gott mache, sondern auch seinem Wünschen aus dem Verbundensein mit einem weiteren Menschenkreise Richtung zu geben. So lassen sich also zwei Eigentümlichkeiten des jüdischen Gebetes nachweisen, die ihm eine eigene Stellung verleihen: das Lehrhafte und aus ihm hervorgehend die Mahnung, die Erweckung des Gerichts; ferner die Hervorhebung der Erlebnisse der Gemeinschaft und daraus folgend die Erweckung des Gemeinschaftsgeistes. Ist es zu weit hergeholt, wenn nun aus dieser Eigenstellung des jüdischen Gebetes geschlossen wird, daß es leichter sein muß, von ihm aus zu der Kraft zu kommen, wieder beten zu können, auch mit dem Sinn, der mit Beten für gewöhnlich verbunden wird? Es soll in keiner Weise geleugnet werden, daß es einem menschlichen Bedürfnsise entspricht, die Seele ausströmen zu lassen und Wunsch und Verlangen auszusprechen. Wenn es vonseiten des Denkens und des Verstandes Hemmungen gibt, die es nicht dazu kommen lassen, wenn in einem zart besaiteten und tiefreligiösen. Gemüt eine gewisse Scheu wach wird, von sich und seinem Bedürfen zu reden — und das sind ja die Stimmungen, die den ehrlich Suchenden heute nicht zum Beten, wie er es auffaßt, kommen lassen, — ist es nicht so, daß solche Hemmungen leichter schwinden, wenn das vorher erreicht ist, was im jüdischen Gebet die Hauptsache war: das Selbstgericht und die Einfügung in den Gemeinschaftsgeist? Der Mensch von heute glaubt, er müsse Andacht suchen, das was er gemeinhin unter Andacht versteht, Stille, damit er zu sich komme und sich in sich versenke. Aber in Wahrheit ist er in dem individualistischen Zeitalter, durch das wir hindurchgeschritten sind und das uns geprägt hat, in so falscher Richtung mit sich beschäftigt, daß ihm ein anderes vorher nottut, nämlich, daß er sich unter das Gericht stellt und daß er sich als Glied der Gemeinschaft entdeckt An dem Sich-messen an der ewigen Forderung Gottes kann er Bescheidenheit und Kraft, kann er die Richtung gewinnen, in der er an der Kultur seiner Zeit mitarbeitet, gewinnt er die Fähigkeit, sich kritisch zu ihr einzustellen und so 499