Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 5 (Dezember 1927)
- Article
- Vom jüdischen Gebet
- Date
- 1927-12-01
- Page
- 497 (sequence 3)
- Language
- German
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Vom jüdischen Gebet die Meinung, daß zum Kern des Gebets die Selbstbefestigung in der Forderung Gottes an den Menschen gehört, und zum zweiten die Erkenntnis, daß erst aus solcher Selbstbefestigung und aus solcher Neurichtung des Lebens auf Gott der Mensch fähig wird, seine Seele im Bittgebet vor dem Ewigen ausströmen zu lassen. Es ist charakteristisch, daß auch der zweite im Laufe der Zeit entstandene Mittelpunkt des jüdischen Gebetes, die Keduschah, in keinerlei Bitte und Wunsch ausmündet, sondern nur Tatsachen feststellt und Verheißung wiedergibt Und es ist ferner charakteristisch, daß die Erweiterung und Ausgestaltung des jüdischen Gebetes noch lange nicht den Weg der Bitte ging, sondern daß zu seinem wesentlichen Inhalt der Ausdruck der Bewunderung und der Ehrfurcht, des Distanzgefühls Gott gegenüber wurde, das, wofür Rudolf Otto die treffende Bezeichnung des Numinosen gefunden hat Es offenbart sich hier eine ganz deutliche und bewußte Richtung des jüdischen Gebetes, eine ganz bestimmte Auffassung vom Wesen des Gebetes und eine Ansicht über den Weg, den die Seele gehen muß, um die Fähigkeit des Betens zu erlangen. Man kann also nicht einfach vom Beten sprechen, als sei es ein immer und überall sich gleichbleibender Akt mit gleichem Inhalt. Man muß der Eigenart der jüdischen Begriffsprägung und Inhaltssetzung nachgehen. Ist doch schon das Wort der hebräischen Ursprache für beten — hithpallel — nicht so einfach mit beten wiederzugeben. Seine Grundbedeutung ist „sich richten" und zeigt deutlich, daß der eigentliche Akt des Betens nach der jüdischen Grundauffassung darin besteht, daß man mit sich ins Gericht gehe, daß der Mensch sich, sein Leben und alles, was ihn angeht, vom Persönlichen bis zum Leben der Gemeinschaft, unter das Gericht stelle, an der ewigen unverrückbaren Forderung messe. Das ist in einem viel höheren Maße Andacht, als sonst mit diesem Worte verknüpft ist Beten ist solchermaßen eine stete Neuschöpfung des Willens. Nur von einer solchen Auffassung, aus konnte die Aggadah das ganz seltsame Wort prägen, daß Gott selbst betet Beten wird hier zu etwas, was den Menschen, wenn man es sagen dürfte, zerbricht, ihn um und um kehrt, seine ganze Lebenshaltung umbildet; und erst wenn das geschehen ist, ist Raum für das Beten im üblichen Sinne, für Wunsch und Bitte. Nur so wird Beten unabhängig von der wechselnden Stimmung und zu einem der regelmäßigen Seelenakte. In gewissem Sinn ist es kein Glück, daß man, um dem Bedürfen der Menschen Rechnung zu tragen, Maß und Umfang der Bitte hat anwachsen lassen und die Kunst einer früheren Zeit verloren hat — seine 497