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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 496

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Vom jüdischen Gebet
Date
1927-12-01
Page
496 (sequence 2)
Language
German
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Max Dienemann meinde als Gesamtheit In der Erkenntnis nun, daß Gebet nicht nur Ausdruck vorhandener Stimmung, sondern Quell und Erweckung religiöser Stimmung sein soll, in der ferneren Erkenntnis, daß es darauf ankommt, jeden Einzelnen zu aktivieren und die persönliche Frömmigkeit eines jeden anzuregen, jeden zum Träger der religiösen Wahrheiten zu machen und ihn mit religiösem Sinn zu erfüllen, trafen jene Begründer der neuen jüdischen Frömmigkeit die Einrichtung des täglichen Gebetes, und zwar des taglichen Gebetes eines Jeden. Das war in der Geschichte des religiösen Lebens der Menschheit einer der großen schöpferischen Augenblicke, einer der fruchtbarsten Gedanken, die je gedacht wurden. Was aber setzten jene als Inhalt des taglichen Gebetes fest? Nichts von Bitte und Wunsch, sondern sie verordneten, daß jeder seinen Tag beginne mit der Lesung der Bibelstelle, die mit den Worten beginnt: „Höre Israel, der Ewige ist unser Gott, der Ewige ist einzig". In den sich an diesen Satz anreihenden fünf weiteren Sätzen, die nun zusammen das Gebet Israels wurden, ist auch nicht der leiseste Anklang an eine Bitte enthalten. Und doch kann man nicht etwa sagen, dies sei kein echtes Gebet. Das Judentum hat zum mindesten entschieden, daß es das Gebet der Gebete sein solle, und als solches hat es sich behauptet Das heißt also: als Sinn des Gebetes gilt die Erweckung und Aufrüttelung des Menschen. An dem Worte Gottes und seiner Forderung soll sich der Mensch täglich von neuem zurechtfinden, an ihm soll er sich messen, an ihm sich prüfen und von ihm aus seinen Weg finden. Dies ist das echte Gebet im Sinne des Judentums. Man mißverstehe mich nicht! Es soll in keiner Weise behauptet werden, daß dem jüdischen Gebet die Bitte, sei es für den Einzelnen, sei es für die Gesamtheit, fremd sei. Die Entwicklung des Gebetes konnte schließlich an einem solchen Grundbedürfnis der Seele nicht vorübergehen, aber man hat, sicher in der klassischen Zeit, das Gefühl nicht verloren, daß diese Bitten im Grunde nicht zu dem eigentlichen Gebet der Gemeinde gehören, daß sie die ganz persönliche Angelegenheit des Einzelnen seien, und daß völlige Freiheit darin walten müsse. In der klassischen Zeit konnte ein Rabbi das Wort prägen: „Erst soll man beten und dann mag man seinem Wünschen und Bedürfen Worte verleihen." Und in der Zeit der Gaonen trug einer der maßgebenden Schöpf er der Gebete die Lehre vor, daß nach Beendigung des Gebets jedem Recht und Freiheit gegeben sei, nach seinem Belieben seine Wünsche und Gefühle zum Ausdruck zu bringen. Es prägt sich darin eine doppelte Ansicht und Einsicht aus. Einmal 496

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