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Der Morgen · 1927-12-01 · Heft 5 (Dezember 1927) · p. 495

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 5 (Dezember 1927)
Article
Vom jüdischen Gebet
Date
1927-12-01
Page
495 (sequence 1)
Language
German
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Vom jüdischen Gebet Von Max Dienemann In Heft 5 des 2. Jahrganges dieser Zeitschrift schrieb Richard Koch kluge und feine Worte über. das Gebet Aus ihnen sprach ein Mensch, dessen Seele erfüllt war von der Sehnsucht, beten zu können, und von den intellektuellen Widerständen, die diese Sehnsucht nicht zur Erfüllung kommen ließ. Koch kennt nur eine Art des Gebets: Das persönliche Bittgebet Es gibt aber noch einen anderen Typus des Gebetes. Von ihm soll im folgenden die Rede sein als Ergänzung der Ausführungen Kochs. Das jüdische Gebet hat eine ganz bestimmte Eigenart, die es dem Menschen innerlich erleichtert zu beten. Die Eigenart besteht nicht in seiner äußeren Form, das hieße hier in der ihm eigentümlich hebräischen Sprache, sondern in seinem Wesen. Die Voraussetzung, daß alles echte Gebet Bitten und Wünschen ist, hält vor einer Analyse des jüdischen Gebetes nicht stand. Dem jüdischen Gebet liegt nicht so sehr die Bitte, der Wunsch, als vielmehr Mahjnung und geschichtliche Erinnerung zugrunde. Man vergegenwärtige sich einmal den Beginn des jüdischen Gemeinde-Gebetes 1 Als nach der Rückkehr aus dem babylonischen Exil die damals führenden Männer,, wir nennen sie die Männer der großen Versammlung, an den Aufbau des neuen religiösen Lebens herangingen, suchten sie vor allem eine Form, in der die persönliche Frömmigkeit des Einzelnen geweckt werde. Die vorexilische Zeit hat den zu bestimmten Tageszeiten Betenden nicht gekannt; wir haben zumindest keinerlei Zeugnis davon. Sie kannte die gelegentliche ekstatische Stimmung des Einzelnen, sie kannte den gelegentlichen Wunsch und Willen Einzelner, ihrer Stimmung vor Gott Ausdruck zu verleihen, sie kannte in versammelter Gemeinde den Gesang der Levitenchöre, aber sie kannte nicht die betende Ge- 495

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