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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 186

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Albert Ballin
Date
1927-06-01
Page
186 (sequence 8)
Language
German
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Joseph Carlebach war die Tatsache, daß er Jude war. Sein Glaube war nicht der orthodoxe. Er hatte eine Christin geheiratet Aber er war auch nicht willens, das vom Vater überkommene Bekenntnis aufzugeben, um dafür Ehre und Titel einzutauschen. Ja, ihn beherrschte oft genug das entgegengesetzte Gefühl. Er glaubte, selbst in den Jahren seiner größten Erfolge, bei seinen Verhandlungspartnern ab und zu das Vorurteil antisemitischer Gesinnung voraussetzen zu müssen, das alte Mißtrauen, das sich immer von neuem durch die Generationen und führenden Männer des zerstreuten Volkes aus dem Osten verwirrend durchzieht — gefördert durch die immer wieder aufsteigende Rassenhetze der politischen Tendenz." Wie ist dieses Verhältnis zum Judentum zu erklären? Vielleicht war die Mischehe der Anlaß seiner inneren Abkehr vom Judentum. Vielleicht daß er seinem Weibe es nicht zu fühlen geben wollte, daß die Kluft einer Weltanschauung zwischen ihr und ihm lag; so zog er sich auf sein Landgut zurück, in dem stillschweigenden Übereinkommen mit ihr, sich gegenseitig an keine Religion und ihre Anhänger zu erinnern. Vielleicht war auch seine Erziehung und Umwelt nicht schuldlos. Fernab vom jüdischen Wohnviertel, inmitten von Dampfkrähnen und Agentenbüros ist er aufgewachsen. Eine Beeinflussung seines jugendlichen Gemütes durch Persönlichkeiten und Institutionen der Gemeinde war versäumt worden. Ob nicht auch vielleicht darin eine Schuld lag, daß man seine aus der Fremde zugezogenen Eltern in schwerer Zeit nicht genügend gestützt, nicht der kinderreichen Witwe die Tränen zu trocknen geholfen? Ist es denkbar, daß Ballin., wenn er als Kind die jüdische Gemeinschaft als treue Fürsorgerin hätte nennen hören, später sie nicht innigst geliebt hätte? Sagen wir also nostra culpa, nostra maxima culpa. Werfen wir auf Baüin keinen Stein! Sein tragischer Tod muß uns ohnedies versöhnen mit den Widersprüchen und etwaigen Halbheilen dieses großen Lebens. Aber wie bedauerlich ist doch sein Verhältnis zum Judentum, bedauerlich für beide Seiten. Kinderlos starb Albert Ballin, der selbst der Dreizehnte in der Reihe seiner Geschwister war. Sein Name ist erloschen. Wohl erinnert die Hapag an seinen Ruhm, aber keine jüdische Institution meldet von dem großen und reichen Sohn, der auch in unserer Welt unendlichen Segen hätte stiften können. Und wie ganz anders hätte sich sein eigenes Leben gestaltet, wenn er seiner jüdischen Gemeinschaft nicht aus dem Wege gegangen wäre! Stubmann schreibt: Es erscheint uns verständlich und begreiflich, daß zu den Intimen Albert Ballins mit wenigen Ausnahmen Männer seines Glaubens gehörten, mit 186

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