Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Albert Ballin
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 187 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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Albert Ballin denen ihn „gemeinsames Interesse, gemeinsames Fühlen und gemeinsame Herkunft, vielleicht auch gemeinsames Naturell" verbanden. Aber wenn er das fühlte, wenn nur jüdische Männer ihm Freundschaft und Gefühl der seelischen Gemeinschaft bieten konnten, warum nicht daraus die ehrliche logische Konsequenz gezogen: ins Judentum gehöre ich hin, dorthin weist der Kompaß meines Herzens? Das ist der letzte Sinn der Tragik solcher Persönlichkeiten wie Albert Ballin. Ihre ganze Größe lag im Genialen, Unbewußten, ihr Tun und Lassen war ganz vom Intuitiven bestimmt. Stubmann urteilt mit einem Wort Max Warburgs: „Ballin war mehr Künstler als Rechner", und alle seine Erfolge erklären sich daraus, daß er diesem „dunklen Drang" seines Seins folgte, ohne seinen Verstand zu befragen. Nur in einer Beziehung galt dieses nicht: in seinem Verhältnis zur jüdischen Gemeinschaft Hier handelt Ballin nicht frei, der sicheren Stimme des Daimon folgend, sondern aus einer merkwürdigen gewaltsamen Verdrängung. heraus, voll Zurückhaltung und Reserve, in falscher Bewertung der seelischen Wirklichkeiten. Er wollte nicht wissen, daß wir Juden noch „unterwegs" sind, so gut wie die Welt noch unterwegs ist, daß man über seinen Schatten nicht hinwegspringen kann und soll, daß der Weg zur Allheit über die Mehrheit, zur Gesamtheit über die eigene Gemeinschaft, der Weg zur deutschen Welt über die jüdische geht. Weil Ballin jene direkt finden wollte, weil er unter Beiseitelassung des jüdischen Kreises in den der großen Welt eingetreten ist, versündigte er sich gegen den natürliehen Instinkt seines Herzens und verlor den Halt unter den Füßen, verlor, wie ein Kind, das nie die Liebe und Wärme eines Elternhauses gekostet, das Heimatgefühl auf Erden, ohne das es keine Befriedigung und kein Glück geben kann. Das ist die tragische Lehre dieses Lebens. Der Tag seines Todes war derselbe, an welchem Wilhelm II. Deutschland verließ, die Revolution tobte, der Mißerfolg des Krieges alle Geister benahm So hatte eigentlich niemand für die ganze Schwere des Hintritts von Ballin den Kopf frei „Wir leben in der Zeit des großen Sterbens", sagte in dem Nachruf auf ihn sein Freund Warburg, „das Recht der Trauer über den Tod des Einzelnen wird uns fast genommen." Um so dankenswerter, daß Stubmann ihm jetzt ein herrliches Denkmal durch dieses Buch gesetzt und schon durch den Titel ihm den Lorbeer auf s Grab gelegt: „Du warst ein deutscher Reeder. Für Deutschland hast Du gelebt und gestrebt, für Deutschland hast Du Dich verblutet!" 187