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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 184

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Albert Ballin
Date
1927-06-01
Page
184 (sequence 6)
Language
German
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Joseph Carlebach nichtet Wovor ihm stets graute, daß der Unsinn der Völkischen siegen und die Vernunft zugrunde gehen würde, das kam 1914 wie ein Ungeheuer über ihn und sein Werk. Die Geste Alexanders des Großen, den gordischen Knoten zerhauen zu wollen, konnte diesem Juden garnicht imponieren. Man denke: Albert Ballin sprach damals die Idee aus: Kaiser Wilhelm fahre sofort nach Petersburg und spreche sich mit dem Zaren aus. „Warum entschließt sich der Kaiser nicht für eine Zusammenkunft mit dem Zaren, das könnte man jetzt leicht arrangieren, und eine solche persönliche Begegnung würde heute den Weltfrieden sichern" (S. 2 54)- Aber das Säbelrasseln der politischen Narren blieb Sieger. Ballin war zuviel Patriot, um sich nicht jetzt ganz seinem Kaiser, seinem Vaterland zur Verfügung zu stellen und vor allem dem Ausland gegenüber das Gewicht seines internationalen Rufes für sein Land in die Wagschale zu werfen. Aber von Tag zu Tag zeigt sich ihm mehr die Raserei der deutschen Politik. Seine Briefe aus dieser Zeit, die Stubmann zum ersten Male hier veröffentlicht, zeigen einen geradezu seherischen Weitblick und wieder jenen übernationalen Standpunkt, der mit dem kindlichen Sinn für das Vaterland Gerechtigkeit gegen Andere und Einsicht in die Realitäten der Welt vereint Seine jüdische Stimme verhallt Das Schauerliche rückt näher und näher: Deutschlands langsamer Sturz in den Abgrund. Das ertrug er nicht Den Niedergang seines Unternehmens hatte er überstanden; seines Vaterlandes Zusammenbruch, seines Kaisers Schande hat er nicht überlebt, nicht überleben wollen. Es ist ja bekannt, daß er dem Manne, dessen Gunst er besaß, in den rasenden Arm hatte fallen wollen, als die U-Bootsidee die Geister behext hatte, während sein kritischer Sinn die Unmöglichkeit des Erfolges und die Gefahr des Eintritts Amerikas in den Weltkrieg durchschaute. Als die Katastrophe unabwendbar wurde und der höchste Kriegsherr noch immer in völliger Verblendung „in rosenfarbigster Stimmung" über den wahren Sachverhalt lebte, da wurde Ballin die schwierige Mission zuteil, seinen kaiserlichen Freund aufzuklären; er war der einzige, dem man Wahrheitsmut und Mannesehre genug zutraute, eine notwendige, wenn auch bittere Erkenntnis auszusprechen. Seine letzte Tagebuchaufzeichnung sagt: „Stinnes ließ mir mitteilen, daß ich die Friedensverhandlungen führen müsse. Ich habe ihm sagen lassen, daß ich nicht kneifen werde, aber jedem anderen es lieber gönne." Aber noch ehe dies zur Ausführung kam, hatte das Herz zu schlagen aufgehört, „das so heiß für Kaiser und Reich geglüht hatte" (Huldermann). Diesem Manne aber wurde der gehässige Vorwurf des jüdischen Patriotismus 184

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