Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Albert Ballin
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 183 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 92% known words query
- IRI
…/2895450-2895467-2895470-2897815--01895-2897909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Alberl Ballin all den kleinlichen Eifersüchteleien zwischen den Schiffahrtsgesellschaften, zwischen Hamburg und Bremen, zwischen Deutschland und dem Ausland. Während ferner alle engstirnig die Dinge nur vom Gesichtspunkt der Konkurrenz aus beurteilen, bringt Ballin ein höheres Moment, einen moralischen Faktor zur Geltung, unter dem alles Egoistische verschwindet und geläutert wird: „Großes wirket ihr Streit, Größeres wirket ihr Bund". Jede aufkommende Nebenbuhlerschaft, unökonomische Verschleuderung von Werten im Kampfe ruft ihn auf den Plan, und selbst unter Opfern von Vorteilen seiner Gesellschaft und seines Prestiges — dieses Würgegels aller guten Geister der Welt — setzt er die Verständigung an Stelle des Ringkampfes, den Ausgleich ah Stelle des Wettlaufes, das friedliche Nebeneinander gegen die Sinnlosigkeit des Gegeneinanders. Es gehörte ein Weltkrieg mit seinen Hekatomben dazu, diese vornehme, sittliche Internationalität, den Gemeinschaftsgedanken und -willen der Völker zum Durchbruch zu bringen. Zwischen deutschen Städten und Provinzen ist er noch nicht erreicht Diese Internationalität seines Wesens, die Höhe und Weite seines Gesichtskreises, machte die Hapag zum Mittelpunkt aller Verkehrsgeographie, versöhnte den eifersüchtigen älteren Bremer Bruder, den Norddeutschen Lloyd und seine zugeknöpften Herren Direktoren, und brachte Abkommen mit englischen und amerikanischen Gesellschaften zustande, die aus den Jahren des Flottenvereins und des Generals Tirpitz wie fromme Sagen klingen. Sie brachte ferner dem internationalen Wirtschaftskodex eine ganz neue Maxime: Heute verdienen, ist nicht die letzte Weisheit des Kaufmannes; auf einen sicheren Millionenverdienst verzichten können, ist manchmal kaufmännischer gehandelt; den Konkurrenten nicht zu unterdrücken, sondern mit ihm den Gewinn zu teilen, ja ihn zu stützen und sich seiner Erfolge mitzufreuen,, klüger und weitsichtiger als schmalstirnige Habgier und Alleinherrschsucht. Diese Haltung Ballins war die letzte Ursache seiner Triumphe, schaffte ihm die Achtung der weiten Welt, sogar die Achtung des Hohenzollernkreisesi In allen Gesprächen und Verhandlungen überraschte Ballin durch die Fähigkeit, zu gegebener Zeit so ganz unkaufmännisch, rein menschlich, garnicht prestigelüstern sein zu können, durch die größte Klugheit der Klugen — lächelnd nachzugeben. Ballins Orientierung ins Weite, seine höchste Stärke, ist aber auch die Ursache seines Falles, seines unglücklichen Endes. Der deutsche Jude Ballin konnte den Fluch, die Sinnlosigkeit des Weltkrieges nicht hinnehmen. Sein Werk brach zusammen; die Arbeit seines Lebens sah er ver- 183