Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 3 (1927-1928)
- Issue
- Heft 2 (Juni 1927)
- Article
- Albert Ballin
- Date
- 1927-06-01
- Page
- 182 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Joseph Carlebach ihm vielleicht an als dem self-made-man, der, um selbst emporzusteigen, seine Welt mit emporreißen mußte, der das starre System des Alten nicht für die Wirtschaft billigen und mitmachen konnte, weil sein eigenes Lebensschiff in ihm zum Stranden hätte kommen müssen. Nur unter ganz neuen Bedingungen, die man selbst erschafft und in welche die Altbesitzer sich nicht so schnell einfinden, kann der Stern des Emporstrebenden aufsteigen. Sie müssen erst eine Welt gestalten, in der sie unentbehrlich sind, damit sie selbst ans Licht kommen. So Ballin in der Schiffahrtei. Das Tempo und den Rhythmus ihrer Entwicklung erteilte er ihr und gab er bestimmend an. Er verlieh ihr einen solchen mächtigen Impuls, daß er zum maßgeblichen Führer wurde. In dem kaufmännischen Bahnbrecher allein sehe ich aber noch nicht das Typische seines Wesens. Ich erblicke vielmehr etwas Spezifisches darin, daß er wie kein zweiter die edelste Seite der Internationalität, der wahren Synthese von Heimatliebe und Weltbürgertum in sich repräsentierte. Denn die Idee der Humanität, das Erbe eines Goethe und Herder und des ganzen deutschen Klassizismus, war jener Zeit fast ganz verloren gegangen. Ballin hat sie in sich erneuert und sie zur Grundlage seiner Gesamtbetätigung gemacht Darin erblicken wir daher mit Recht ein tief Charakteristisches, darin stellt sich der Hamburger Reeder einem Walther Rathenau und Hermann Cohen1) ebenbürtig an die Seite. Den bornierten Patriotismus, der dem Wert anderer Kulturen nicht gerecht wird, lehnte Ballin ab. Ein Zug tiefer Gerechtigkeit erfüllte ihn gegen alle Völker. Aufmerksamen Auges studiert er ihre Einrichtungen und Eigenarten. Sein Herz macht niemand, auch nicht dem Ausland gegenüber, einen Vorbehalt, es öffnet sich freiwillig gern, rückhaltlos. Er schließt Freundschaft über Volks- und Sprachgrenzen hinaus. Und ist doch ganz seiner Vaterstadt und dem Vaterland ergeben, ist, obwohl er an der Themse so zu Hause ist wie in Newyork, doch stets ein Hamburger geblieben. Dieser weitherzige Patriotismus, diese weltbürgerliche Einfühlung in andere, bei aller Treue gegen sich und seine angestammte Kultur, das kennzeichnet in Ballin den jüdischen Kaufmann. Er stand über dieser Stadt fehlt, dieser Stadt fehlen ioooo Juden. Ich verkenne keineswegs die unangenehmen Eigenschaften der Juden, und doch muß ich sagen, für Hamburgs Entwicklung wären 10 ooo mehr davon ein Segen." l) Ethik S. ao4 und 223: „Die Propheten glaubten ihr Vaterland nur dadurch lieben zu können, daß sie die Menschheit lieben lehrten." 182