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Der Morgen · 1927-06-01 · Heft 2 (Juni 1927) · p. 181

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Journal
Der Morgen
Volume
3 (1927-1928)
Issue
Heft 2 (Juni 1927)
Article
Albert Ballin
Date
1927-06-01
Page
181 (sequence 3)
Language
German
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Albert Ballin Andere nur als Mittel zum Zweck mißbraucht Graß war er ferner in der Fälligkeit des Disponierens und Organisierens, die jeden an die richtige Stelle bringt, auch sich selbst: der hier im gegebenen Moment das ganze Gebiet seines Einflusses in die Wagschale wirft, wenn er Widerstand für verhängnisvoll hält, dort die eigene Person in liebenswürdigem Verzicht selbst der Eitelkeit anderer zum Opfer bringt Er war groß in der Sachlichkeit seines Wesens, weil ihm die Sache mehr galt als die Person und gewiß mehr als das eigene Ich. Sind nun in seinem Wesen speziell jüdische Charakterzüge zu verzeichnen? Verdankt der große Reeder auch seiner Abstammung etwas von seiner bedeutenden Veranlagung? Freilich gibt es keine Eigenschaft des Charakters, der Veranlagung und des Temperaments, die man in dem Sinne spezifisch jüdisch nennen könnte, daß man sie nicht auch bei Anderen ausgeprägt fände. Dennoch kann sie ein Spezifikum sein, wenn sie in ihrer Betonung, in ihrer nachdrücklichen Stärke das Individuum aus seiner Zeit und Umgebung heraushebt. In diesem Sinne glaube ich, die Frage unbedingt bejahen zu müssen. Ich denke bei Ballin an die vorwärtsstrebende Kaufmannsnatur, die sich nie mit Gegebenem abfindet, die nicht vom Verbraucher fordert, daß er sich nach der Decke gegebener Wirtschaftsbedingungen strecke, sondern von der Wirtschaft fordert, daß sie den unausgesprochenen, werdenden, erst sich bildenden Wünschen und Bedürfnissen nachspüre und entgegenkomme. Man hat in diesem Gegensatz der Auffassung von der Pflicht der Wirtschaft früher den wesentlichen Unterschied zwischen dem englischen und dem deutschen Kaufmann gesehen und gesagt, daß des Letzteren Überlegenheit in dieser Anpassungsfähigkeit lag; der Deutsche, weniger selbstsicher, wußte, daß er die Welt noch nicht in der Tasche habe, während der Engländer sich als Herr aller Märkte zu fühlen gewohnt war. In gleichem Verhältnis stand der Jude Ballin zu den Reedern der deutschen Häfen und vertrat daher das moderne, das verantwortungswillige, das Werte schaffende Unternehmertum. Ballin wollte nie bequem auf errungenen Lorbeeren ausruhen, eine ewige Unrast und Zielstrebigkeit wirkte in ihm, die zu immer neuen Zielen ausholte.1) Alles das sind zwar auch jüdische Züge, aber doch keine typischen. Sie haften - 1) Ballin selbst hat dies als ein Erbteil seines jüdischen Blutes empfunden. Das geht, deutlich _ aus seinem Ausspruch über Hamburg hervor, den Huldermann, der erste Biograph Ballins in seinem Buche (Albert Ballin, Oldenburg 193a) bringt: „Ich sehe ganz deutlich, was 181

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