Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 3 (August 1926)
- Article
- Eine Legende vom Menschen
- Date
- 1926-08-01
- Page
- 246 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Max Dienemann Welt eintreten, sei fromm und nicht böse, und du wirst des ewigen Lebens gewürdigt sein." So führt der Engel die Seele herum vom Morgen bis zum Abend, zeigt ihr den Ort, wo ihr Leib einst sterben wird, und wo er begraben werden wird, dann tut er sie wieder in den Mutterleib, und der Heilige, gelobt sei er, setzt ihr Tür und Riegel. Nun ruht das Kind neun Monate im Mutterleibe, die drei ersten in der unteren Kammer, die zweiten in der mittleren Kammer und die letzten in der oberen Kammer. Kommt dann seine Zeit, einzutreten in die Welt, wälzt es sich in einem Augenblick aus der oberen in die mittlere, aus der mittleren in die untere Kammer; von allem, was die Mutter ißt und trinkt, ißt und trinkt es zuerst und scheidet nichts aus; darum heißt es eben: „Gott tut unerforschten Großes und Wunder ohne ZahL" Soll es nun hinausgehen in die Welt, so kommt derselbe Engel und sagt zu ihm: „gekommen ist deine Zeit hinauszugehen in die Welt"; und es sagt darauf: „warum willst du mich hinausführen in die Welt?" Antwortet der Engel: „Wisse mein Kind, ohne deinen Willen wardst du gebildet, ohne deinen Willen wirst du geboren, wider deinen Willen stirbst du einst und mußt Rechenschaft ablegen vor dem König aller Könige, dem Heiligen, gelobt sei er." Es sträubt sich hinauszugehen, da gibt ihm der Engel einen Schlag, löscht das Licht, das zu seinen Häupten brennt, und führt es, auch ohne seine Zustimmung, in die Welt hinaus. Sofort vergißt das Kind alles, was es gesehen und erfahren. Und warum weint das Kind bei seinem Austritt? Weil es einen Ort der Ruhe und der Weite verloren hat, und weil es die Welt vermißt, in der es war. Von dieser Stunde ab ziehen im Wechsel sieben Welten über den Menschen einher. In der ersten, bis er ein Jahr alt ist, ist er wie ein König, alles fragt nach seinem Wohle, ist begierig ihn zu sehen, herzt und küßt ihn. In der zweiten, wenn er zwei Jahre alt ist, macht's ihm Behagen, mit den Händen gleich einem Schweinchen im Schmutz herumzutappen. In der dritten springt er gleich einem Lärnmlein lustig hin und her vor Vater und Mutter, und alle freuen sich an ihm. In der vierten, wenn er 18 Jahre alt ist und mannbar, gleicht er dem stolzen Roß, brüstet sich mit seiner Kraft In der fünften, wenn er 40, ist ihm wie einem Lasttier gleichsam ein Sattel aufgelegt, er hat Frau und Kind und muß hierhin und dorthin rennen, um Brot zu schaffen. Und in der sechsten steigert sich das noch, er darf sich nicht schämen und muß gegen den und jenen ankämpfen, wie der Hund den ankläfft, der ihm 246