Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 68 (sequence 12)
- Language
- German
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Max Dienemann das Gute aus Eigenem zu tun. Darauf beruht die jüdische Ablehnung der Vorstellung einer Erbsünde, darauf die Tatsache der Anerkennung des Gesetzes als eines Mittels religiöser Bekundung, darauf die jüdische Anschauung von der Selbständigkeit der sittlichen Persönlichkeit, die ihren klassischen Ausdruck hat in dem oben zitierten Satze: „alles ruht in der Hand Gottes, nur nicht die Frömmigkeit" Damit wird dem frommen Handeln des Menschen Eigenwert, Selbständigkeit und Gestaltungskraft zuerkannt In dem großen Rätsel, welches die Gleichzeitigkeit von Gottes Gnade und der selbständigen Tat des Menschen ist, hat sich die jüdische Religion von jeher dafür entschieden, die Selbständigkeit der sittlichen Tat herauszuarbeiten und zu bekennen. Es läßt sich keine Grenzlinie ziehen und sagen, bis hierher ist Gottes Gnade wirksam, hier hat sie ihre Grenze, und jetzt beginnt das eigene Tun des Menschen, in aller jüdischen Frömmigkeit schwingt das Bewußtsein, von Gottes Gnade getragen zu sein, mit, aber es ist das Zeichen jüdischer Anschauung, in dem Geheimnis, das über dem Ausgleich der Gegensätze — Gnade Gottes über allem, Tat des Menschen in ihrer Selbständigkeit — waltet, sich für die Betonung des Eigenwertes bewußter sittlicher Tat des Menschen entschieden zu haben. So ist auch Bäcks Spannungslehre zu verstehen, daß der Mensch zugleich Geschöpf und Schöpfer ist, daß das Leben Gottesschöpfung ist und doch des Menschen bedarf, um Gottesreich zu werden; das Eigene des Menschen soll neben dem Göttlichen betont werden, weil das unabtrennbares Element jüdischer Religiosität ist Das ist der Aktivismus jüdischer Frömmigkeit Auf ihm beruht die bejahende Einstellung zur Kultur, der Glaube des Juden, daß des Menschen Kämpfen und Arbeiten notwendig ist, um das Gottesreich zu bauen, sein Messianismus. Er bedeutet in keiner Weise, daß das Judentum seinen Gott verloren habe und Gott zu einer Funktion des Menschen mache. Er bringt zum Ausdruck, daß das Sittlichhandeln des Menschen seine Aufgabe ist, aber seine Aufgabe, weil es seine Nachfolge Gottes ist, und so ist auch das Gesetz seine Aufgabe, aber die von Gott gesetzte Aufgabe und ihre Erfüllung der WegzuGott Wie wenig die Alten darin eine Beeinträchtigung der Hoheit Gottes empfanden, erhellt schon daraus, daß sie das schöne Wort prägten, daß der Mensch mit manchen seiner Taten wird „zum Genossen Gottes am Werk der Schöpfung". Das Schöpfersein des Menschen ist gleichwertig mit dem Bewußtsein des Geschaffenseins, auf beiden liegt der Ton. Pater Przywara hat schon recht gesehen, daß solch ein Aktivismus in der jüdischen Religiosität vorhanden ist, 68