Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 66 (sequence 10)
- Language
- German
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Max Dienemann weit in der Hauptsache das soziale Verantwortungsgefühl religiös wertvoll ist, daß aber in dem ewigen Ringen innerhalb des Judentums um die Reinheit der Gottesidee das Kabbalistische und Chassidische wegen des vielen anderen Gott Vermenschlichenden ausgeschieden ward. Es liegt nun in diesem in den letzten Jahren Mode gewordenen Übertreiben des im Chassidismus verborgen liegenden Wertes eine Gefahr. Die Gefahr, daß damit Vorstellungen, die eine Trübung der Gottesidee bewirken können, sich der Köpfe bemächtigen, die Gefahr, daß wertvolle und unentbehrliche andere Bestandteile jüdischer Frömmigkeit in Verlust geraten, und schließlich die Gefahr, die an dem Beispiel des Pater Przywara sichtbar wird, daß man die Worte, die als Bild und Gleichnis gedacht sind, mißverstehen kann. Und damit sind wir wieder bei dem Mißverständnis angelangt, dem Pater Przywara zum Opfer fiel Wie er Bubers Wort mißverstanden hat, so auch das, was er den „Aktivismus" der modernen jüdischen Religionsphilosophie nennt Auch hier ist das nicht ohne eine gewisse Schuld auf Seiten der Philosophen geschehen. Es ist nicht zu leugnen, daß Cohen z. B. mitunter in einer Weise schreibt, als sei das Sittliche, die sittliche Handlung der einzige Ausdruck der Religiosität, als erschöpfe sich im Sittlichsein das Wesen jüdischer Frömmigkeit, und als sei Gott nur ein anderer Ausdruck für die Idee der in unendlicher Aufgabe vom Menschen zu verwirklichenden Sittlichkeit Es sei auch hier ein freimütiges Wort verstattet Cohen wird tief verehrt von jedem, der als Jude mit Fragen jüdischer Religiosität sich befaßt und um ihre gedankliche Grundlegung ringt Aber gerade in jüdischen Kreisen weiß man, daß Cohen, wie alle Philosophen, und er in einem noch größeren Ausmaße, Kind seiner Zeit und der ihr eigentümlichen Gedaiikenrichtung ist Es war sein Bemühen, das Judentum als die Erfüllung bestimmter gerade diese Zeit beherrschender Richtungen und Gedanken zu erweisen. Cohen ist typischer Vertreter jener an einem ethisierenden Protestantismus des 19. Jahrhunderts gerichteten Denkweise. Nicht er allein stand unter dieser Sinnesrichtung, für viele, die die alte Form jüdischer, kultischer Frömmigkeit verloren hatten, war es geradezu der Kitt, der sie mit dem Judentum wieder verband, daß ihnen das Judentum als die Religion der reinen Verkörperung der Ethik, als die das Ethische unter Ausschaltung mythischer Elemente zur Religion erhebende Weltanschauung erschien, so daß ihnen in ihrem Gutsein die einzige, die wirkliche Erfüllung des Judeseins gegeben schien. Es war Cohens Bemühen, die Seite des Judentums herauszuarbeiten, die das Ethische betont 66