Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 65 (sequence 9)
- Language
- German
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Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken geheiligt", herauslesen, daß der so Betende glaube, er mache Gottes Namen heilig. Es mag aber bei dieser Gelegenheit einmal ein Wort gesagt werden über die Berechtigung, auch jüdischerseits diese ganze Vorstellungswelt als den Sinn der jüdischen Religiosität anzusehen. Was in den oben zitierten Worten des Midrasch und ähnlichen angebaut war, setzte sich in der Kabbalah und dem gedanklich von ihm abhängigen Chassidismus fort; aber was einstens schüchterne Gleichnisrede und Umhüllung und nichts auch nur halbwörtlich Verstandenes war, erhielt dort, entsprechend. dem mittelalterlichen handgreiflichen Glauben an das Übersinnliche, eine Ausdeutung in dem Sinne, daß dem Menschen durch seine Tat eine Einflußnahme auf die als Persönlichkeiten und wesenhaft gedachten Ausstrahlungen Gottes und die Engel möglich sei Gegen diese Theorien war von altersher der Widerspruch der an den Propheten und ihrer reinen aufs Ethische gerichteten Gottesvorstellung Orientierten lebendig, ein Widerspruch, der in seiner Wirkung Vorstellungen der Volksfrömmigkeit auf Jahrhunderte ins Unterirdische bannte und verketzerte Sie brachen dann zu gelegener Zeit wieder an die Oberfläche, nicht ohne in weiten jüdischen Kreisen auf schärfsten Widerspruch zu stoßen. Ob es gut war, daß sie zurückgedrängt wurden, ob es gut war, daß sie wieder hervorbrachen, das ist Ansichts- und Gefühlssache und strittig. Sicher ist, daß in diesem Gefühl persönlicher Verantwortung für das Schicksal der Welt, in dieser sozialen Ausrichtung des Bewußtseins von der Wirksamkeit menschlicher Tat ein wertvolles Stück jüdischer Religiosität verborgen lag. Es ist Bubers Verdienst, auf dieses Element jüdischer Religiosität wieder aufmerksam gemacht zu haben, es für Westeuropa nahezu neu entdeckt zu haben; diesen Teil jüdischer Religiosität bewußt zu machen, war Bubers Absiebt Nun aber kam es, daß viele, die durch die unglückselige Entwicklung der Einflüsse des rationalistischen Jahrhunderts ihre naive Religiosität verloren hatten, auf der Suche nach einer neuen Religiosität, nach der sie aus der Leere der Seelen strebten, in der Unmöglichkeit, den alten Weg gesetzlicher Frömmigkeit zu gehen, auf diese Form jüdischer Religiosität stießen, hier war etwas, was sie ergriff, und rasch wurde es modern, hierin die Vollendung jüdischer Religiosität zu erblicken. Aber es muß gegen solchen Versuch, die Gefühlswelt des Chassidismus zum Sinn der jüdischen Religiosität schlechthin zu stempeln, ihn zum Typ des jüdischen Denkens zu erheben, die Bemerkung gemacht werden, daß all das eben nur ein Steinchen im Bau der jüdischen Religiosität ist, daß aus dieser Gefühls- 5 65