Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 64 (sequence 8)
- Language
- German
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Max Dienemann Mittelalter stammen, einer Zeit, in der die Annahme, es hätten die Prager solcher Sätze nicht einen ganz festen Glauben an die Persönlichkeit Gottes in sich getragen, absurd ist, in der jedem Gott das Lebendigste alles Lebendigen, Wirkendste alles Wirkenden, einzige Macht in der Welt war, kann schon gefolgert werden, daß sie nicht wörtlich zu nehmen sind. Solche und ähnliche Äußerungen pflegen in der rabbinischen Literatur mit dem Zusatz „Kewejachol" d. h.: „wenn so etwas auszusprechen möglich und erlaubt wäre", versehen zu werden. Sie sind eben nur als Bildsprache, als Gleichnis zu werten1; vor dem Letzten und Stärksten versagt stets die Sprache, die in menschlich begrifflichen Ausdrücken zu reden gezwungen ist, und was man nicht mit deutlichen Worten sagen kann, kleidet man in die Form der Gleichnisrede. Und es soll in dem Gleichnis zum Ausdruck kommen, daß der Mensch Mitgestalter an der Vollendung von Gottes Absichten in der Welt ist, daß die Verantwortung für die Gestaltung der sozialen Verhältnisse auch auf seinen Schultern ruht Buber hat für diese, in der Kabbalah und dem Chassidismus sich fortsetzende Ausdrucksweise das Wort „Verwirklichung" geprägt Kann sein, daß das ein Fehler und mißverständlich war, man kann es vielleicht verstehen, daß jemand, der nicht weiß, inwieweit das Übertragung des Urtextes ist, über das Wort stolpern kann. Aber kann im Ernst jemand glauben, daß es irgendwo irgendwen im Judentum gibt, der solch ein Wort wörtlich nimmt? Gemeint ist ganz selbstverständlich nie, daß Gott zu formen und zu verwirklichen wäre, sondern gemeint ist stets, daß der Mensch berufen ist, den Willen Gottes in der Welt nach dem Maße seiner Kraft mit zu verwirklichen, den Willen Gottes, der, nachdem er verkündet ist, getreu dem Grundsatze „alles ist in der Hand Gottes, nur nicht die Ehrfurcht vor Gott, die Frömmigkeit" (Talmud Niddah 16 b) vom Menschen in die Tat umzusetzen ist, soweit es sich um menschliche Möglichkeiten handelt Gottes Hoheit, so ist das Gleichnis, ist um so glänzender in den Augen der Menschen, je mehr Menschen an ihm ihren Willen entzünden und um seinetwillen an der Welt gestaltend arbeiten. Wenn die Menschen, die Ebenbilder Gottes sich in die Knechtschaft ihrer Triebe und Instinkte und Leidenschaften begeben, ist „gleichsam Gott in der Gefangenschaft", und jeder Mensch, der in sich, um Gott ähnlicher zu werden, Triebe und Leidenschaften niederkämpft, erlöst damit die Vorstellung von Gott aus der Gefangenschaft, in der die Menschen sie bannen. Alle diese Dinge wörtlich verstehen, wäre etwa das Gleiche, als wollte jemand aus den Worten des Vaterunser „dein Name werde 64