Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 63 (sequence 7)
- Language
- German
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Judentum und jüdische Religionsphüosophie im Urteil heutiger Katholiken werden dazu hilft, das Leben mit religiösen Motiven zu durchdringen und von ihnen aus zu meistern. Die Stimme ist wohl da, aber sie ist von Pater Przywara arg mißverstanden. Er nimmt seinen Ausgang von Bubers Wort von der „Verwirklichung" Gottes, und er versteht es, als sei damit tatsachlich und wörtlich gemeint, Gott werde durch den Menschen sozusagen geschaffen. Hier liegt der Quell und Ausgangspunkt des Irrtums. Was hat es mit der von Buber gezeichneten Theorie von der Verwirklichung als dem Wesen jüdischer Religiosität für eine Bewandnis? Sie ist, und das ist wichtig, überhaupt nicht eine moderne Theorie, sondern geht zurück auf allerälteste Vorstellungen und Äußerungen. Schon in dem alten Schrifttum finden wir die Sätze, die ihrem buchstäblichem Wortlaut nach besagen, daß Gottes Hoheit und Geltung durch den Menschen erhöht werde. Einige charakteristische Sätze dieser Art mögen hier genannt werden, damit Redewendung und Ausdrucksform klar werde. Zu dem Prophetenworte (Jesaia Kap. 43, Vers 10) „Ihr seid meine Zeugen" bemerkt Rabbi Simon Ben Jochai, „wenn Ihr mich bezeugt, bin ich Gott, und wenn Ihr mich nicht bezeugt, — wenn so etwas auszudenken möglich wäre, — bin ich nicht Gott" (Jalkut zur Stelle.) Im Midrasch wajikra rabba zu Kap. 23 Vers 4o wird, nachdem die vier Arten des Feststraußes am Hüttenfest als Symbole menschlicher Charaktere und Fähigkeiten gewertet werden, fortgefahren: „und wenn sie alle nun einen Bund bilden, werde ich dadurch erhöht, spricht Gott" Im Midrasch Tanchuma zum Thoraabschnitt Behaalothcha N. n heißt es: „Wenn Israel einen festen Bund bildet, wird gleichsam der Thron Gottes auf einen festeren Grund gestellt" Das Wort aus der Erzählung von Jakobs Traum i. B. Mose Kap. 28 Vers i3 „und siehe, Gott stand über ihm" wird von Midrasch verstanden« als hieße es: „Gott stand auf ihm" und dann gedeutet: „Gott hält sich aufrecht durch die Frommen." Der Psalmvers: „mit Gott gewinnen wir Kraft" (Psalm 60 V. i4) wird von den Alten umgebogen, als hieße er: „wir schaffen Macht in Gott" und dann gedeutet: „wenn die Frommen den Willen Gottes tun, fügen sie Kraft hinzu zur oberen Welt und wenn nicht, — wenn so etwas auszusprechen erlaubt ist — erfüllt sich der Vers: (5. B. M. Kp. 32 V. 18) „der Fels, der dich geboren hat" — und nun das dunkle hebräische Wort in lexikalischer Freiheit anders als sonst üblich verstanden in Anklang an ein ähnlich klingendes aramäisches — „ward schwach". (Jalkut zum Thoraabschnitt Schlach lecha Nr. 744)* Allein schon aus der Tatsache, daß diese Äußerungen aus dem Ausgang des Altertums und seinem Übergang zum 63