Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 60 (sequence 4)
- Language
- German
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Max Dienemann käste sich Abfindenden, nie mit dem augenblicklichen Stande der Sittlichkeit Zufriedenen, aber ist es notwendig oder richtig, in politisch aufgeregter Zeit ein solches Wort zu gebrauchen, auch wenn es Zitat ist, das außerhalb seines Zusammenhanges mißverstanden und von Übelwollenden ausgeschlachtet werden kann, ohne mit der größten Deutlichkeit zu sagen, daß es einer anderen, nicht der politischen Sphäre angehört? Hier und an jener oben angeführten Stelle, wo Pater Przywara aus der Betonung der menschlichen Aktivität im Judentum folgert, daß es einen farblosen Internationalismus predige und praktisch der Feind aller Rasseneigenart und der Freund aller Yölkernivellierung sei, vermißt man mit Bedauern die sonst festgehaltene Vornehmheit der Darstellung. Ein Übelwollender, der mit unbewußten antisemitischen Voraussetzungen an alles Jüdische herantritt, greift dann solche Worte heraus, zerrt sie aus ihrem Zusammenhang, in dem man sie noch gedanklich verstehen und widerlegen kann, erhebt sie ins Absolute, und flugs werden sie zum gefrorenen Zitat; darin liegt die Gefahr solcher Formulierungen, die eigentlich jeder Verantwortungsvolle fühlen und darum mit doppelter Vorsicht meiden müßte. Das also soll das Endergebnis sein: Das Judentum von heute leugnet den Übergeschöpf liehen Gott, die Denker des heutigen Judentums haben Gott entthront Wie kommt er zu diesem Urteil? Auf welchem Mißverständnis beruht es, daß er zu solchem Urteil kommt, daß er das überhaupt herauslesen konnte? Das Mißverständnis hat seinen Ausgangspunkt in dem von Buber geprägten. Worte: „Verwirklichung Gottes." Buber hat in seinen Schriften über Judentum und Sinn und Wesen seiner Religiosität das kabbalistische und chassidische. Motiv aufgenommen, daß der Mensch mit seiner Tat einen Einfluß auf die himmlischen Sphären ausüben kann und hat ihm die deutliche Wendung auf die von ihm so genannte „Verwirklichung" Gottes gegeben, daß Gott sozusagen um so wirklicher ist, je mehr er vom Menschen in der Welt verwirklicht wird, er hat von der Verwirklichung Gottes durch Nachahmung seitens des Menschen, von der Wirkung der Menschentat auf Gottes Schicksal gesprochen. Es wird noch auszuführen sein, worauf diese Denkweise zurückgeht und wie diese Ausdrucksform zu verstehen ist, inwieweit diese Denk- und Redeform mit dem Judentum verbunden ist, zunächst interessiert das Wort „Verwirklichung Gottes". D. h. also, folgert Pater Przywara, daß Gott nicht das selbständige,: allmächtige, in seiner Allmacht und Absolutheit unabhängige, wirkende, schaffende, waltende Wesen ist, sondern daß sein Dasein, seine Wirklichkeit, seine Realität von dem Menschen abhängig ist Dann ist also Gott entthront und 60