Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 61 (sequence 5)
- Language
- German
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Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken der Mensch zum Herrn der Welt gemacht, von seiner Aktivität und seiner Entscheidung hängt alles ab, Gott ist damit aus der Welt in den Menschen gebannt; Gott wird zu einer Funktion des Menschen. So die Folgerung, zu der das Wort von der Verwirklichung Anstoß gibt Und diese Folgerung wird ihm bestärkt durch die Stimme der anderen, aus denen er vor allem den Ton heraushört, der „Aktivismus des Menschen" heißt Wenn er aus Franz Rosenzweigs „Stern der Erlösung" etwa herausliest, daß die Erlösung letztlich als Erlösung Gottes durch den Menschen zu begreifen sei, die Juden das metaphysische Volk seien, das Gott im Blute trägt (das Zitat ist übrigens nicht richtig), so verstärkt ihm das die Meinung, daß es Sinn der heutigen jüdischen Religionsphilosophie sei, Gott in den Menschen zu sperren, dem Menschen eine Schicksalsgewalt über Gott zuzumessen. Und so versteht er denn auch Bäck in dem gleichen Sinne. Bäck hatte in klassischer Formulierung die These aufgestellt, daß es zum innersten Wesen jüdischer Religiosität gehöre, die Spannung in sich zum Ausgleich zu bringen, daß der Mensch zugleich Geschöpf ist und Schöpfer, nämlich der sittlichen Welt, daß jüdische Religiosität die Polarität des Bewußtseins von Gott dem unendlich Fernen und zugleich unmittelbar Nahen darstellt Das heißt für ihn, auch Bäck verstehe Gott nur so, daß er in der sittlichen Nähe des menschlichen Daseins sich offenbare, Religion sei ihm nur innerste Natur des Menschen, nicht Aussage über Gott So scheint ihm aus Bäcks Spannungstheorie die gleiche Lehre von der Unbedingtheit und Alleinherrschaft des menschlichen Aktivismus zu erwachsen, die den Menschen zum Herrn der Welt macht und Gott zu einer Nebenfigur herabdrückt Diesen menschlichen Aktivismus als Sinn jüdischer Religiosität findet er dann mit deutlichster Betonung in Hermann Cohens „Die Religion der Vernunft aus den Quellen des Judentums" gelehrt, und er versteht Cohen so, daß er lehre, das Wesen Gottes sei nur die Sittlichkeit, also Gott Aufgabe des Menschen unter Ausschaltung alles Metaphysischen, Gott nur Sinnbild und Idee des vom Menschen zu übenden Sittlichen. Und selbst Brod, der diesen Aktivismus weit von sich weist, und in ihm eine Herabwürdigung der Idee des Religiösen erblickt und darum die Gnade als bestimmenden Faktor mit besonderem Nachdruck betont, will doch diese Gnade nicht in christlichem Sinne als Antrieb zu höherem Weltverzicht fassen, sondern als eine Anleitung zu vollem Leben, und so komme auch hier ein starker Diesseitigkeitston zum Erklingen. Daher formt es sich ihm, daß sie alle, die heute die Chorführer des Judentums sind, nur die Seite des Menschlichen kennen, und Gott halb oder ganz ausschalten. 61