Der Morgen
- Journal
- Der Morgen
- Volume
- 2 (1926-1927)
- Issue
- Heft 1 (April 1926)
- Article
- Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken
- Date
- 1926-04-01
- Page
- 59 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 98% known words query
- IRI
…/2895450-2895459-2895461-2896703--00935-2896790- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Judentum und jüdische Religionsphilosophie im Urteil heutiger Katholiken Rosenzweig; ihre Werke will er auf den einen Generalnenner bringen: den Verlust des persönlichen, waltenden und wirkenden Gottes. Dahingestellt bleibe, inwieweit es überhaupt möglich ist, bei so verschieden gearteten Denkern und Gedankensystemen ein Gemeinsames anzusetzen, — abgesehen von dem Gemeinsamen des gegebenen Judentums und seiner Grundlage und unentbehrlichen Grundsatze —, dem Eingeweihten ist von vornherein klar, daß die These, allen Äußerungen dieser Religionsphilosophie liege das gleiche Bestreben zugrunde, nicht aufrecht zu halten ist Unterstellen wir aber einmal, es sei so, wie Pater Przywara es zu finden meint, es gehe durch alle Äußerungen dieser Denker ein Zug. Diesen einen Zug nun umschreibt er mit dem Satze: „Sie glauben nicht an Gott, der alles Denken und Berechnen übersteigt, sondern richten Gottes Wesen und Wege nach ihrem Menschenwege." Das ist nun also seine Auffassung vom Wesen heutiger jüdischer Religiosität, sie habe Gott verloren, sie mache Gott nur zu einer Aufgabe des Menschen, sie mache Gottes Gesetz zu einer Aufgabe des Menschen, d.h. sie mache Gott zu einer vom Menschen ausgehenden Idee: sie gebe dem Menschen eine so unbedingte Aktivität, mache so ganz und gar alles und jedes von ihm und seiner Entscheidung abhängig, daß der eigentliche Herr der Welt der Mensch ist, Gott wird nur der Name für Menschenideal, Gott wird ins Innere des Menschen gesperrt und der Mensch zum Herrn auch Gottes gemacht Und daraus ergeben sich ihm nun mancherlei Folgerungen. Zunächst die Folgerung, daß eben nur das Christentum mit seiner Grundforderung des „Glaubens" Gott so festhält, daß es als einziges Gebilde der Welt imstande ist, das Menschliche zu überwinden und die Seelen zu Gott hinzuführen, als einziges imstande ist, eine wahrhafte Ruhe zu vermitteln. Ferner, daß Judentum, weil es vom Menschen ausgeht, auch die Menschheit nur nach seinem eigenen jüdischen Menschentum formen und bilden kann, so daß andere dieses Judentum auf die Dauer als anmaßenden Störer ihres Volkstums empfinden, während Christentum aus seinem Glauben an den Übergeschöpf liehen Gott langsam eine in Gott sie einende Menschheit ohne Zwang und Nivellierung aufbaue Und daran anschließend die Folgerung, daß dann also zum Wesen der jüdischen Religiosität das ewige Suchen, die Ruhelosigkeit des wandernden — seelisch verstanden — Ahasver gehört, daß sein Aktivismus den Juden zu ständigem Kampf gegen alles In-sich-selbst-Ruhende treibe, so daß er zum unermüdlichen „Revolutionär der christlichen Welt" werde. — Nebenbei gesagt, gemeint ist damit das Aufwühlende des ewig um das Sittliche neu auf der Suche Befindlichen, nie mit den geprägten Begriffen einer organisierten Herrschafts- 59