Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 263 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Guttraann. 263 das Theologen?“ — Diese zornigen Worte, die er vor zehn Jahren in Marienbad zu mir sprach, klingen mir noch heute im Ohre. Aber neben Klarheit und Gründlichkeit ist eine dritte Eigenschaft für ihn bezeichnend: unbedingte Aufrichtigkeit seiner Rede, — eine Tugend, die, so selbstverständlich sie sein sollte, in der Weise, wie sie bei Jakob Guttmann geübt wurde, nicht ganz häufig zu Tage tritt. Sie zeigte sich nicht nur in der Predigt, wo er die Forderungen des Glaubens unerschrocken vertrat, aber nie phrasenhaft überspannte, sondern vielleicht noch deutlicher in der Gelegenheitsrede. Warm und voll klang sein Lob, aber niemals hat er übertrieben, und selbst die feinste Form der Unwahrhaftigkeit, das Verschweigen geschichtlicher Bedingtheiten oder Schranken, hat seine edle Natur verschmäht. Wenn er Ludwig Philippsons verwandtem Geiste nachrühmte, er habe im Gegensatz zu Mendelssohn die Aufgabe einer Versöhnung zwischen Judentum und moderner Kultur ,,mit bewundernswertem Erfolge ihrer Erfüllung nahegeführt“, so vergaß er nicht hinzuzufügen, daß die Gunst der Umstände ihn unterstützte1). In der Gedächtnisrede auf Joseph Derenbourg2) und auf manche Mitglieder seiner Gemeinde hat er die Treue ihres Festhaltens am Judentum gerühmt, aber in der taktvollsten Weise durchblicken lassen, daß die religiösen Ansichten der Verstorbenen nicht die des Redners waren. Und wenn er einen verdienten Kollegen als Mann der Versöhnung feierte, so fügte er wohl hinzu, er sei dem Vorwurf nicht entgangen, in seiner Milde und Friedensliebe die äußerste Grenze überschritten zu haben: ״nun, glücklich ף MS 1911, 759. 2) .Gedenkrede, gehalten in der Synagoge in Ems 1895, S. 7 : Obgleich ein Mann von freisinnigen Anschauungen auch auf dem Gebiete der Religion, unabhängig in der Beurteilung und der Aus- Übung der hergebrachten religiösen Satzungen.