Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 264 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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264 Jakob Guttmanru ein jeder von uns, den kein anderer Vorwurf trifft als der, daß er die Fehler seiner^ Vorzüge besitzt1)/' Solche Be״ merkungen vermieden stets jede Schärfe oder gar den Ton des überlegenen Richters, und weit entfernt, das Bild des Heimgegangenen zu verdunkeln, verdeutlichten sie es viel״ mehr und verliehen zugleich dem Lobe des Redners, der so rückhaltlos der Wahrheit die Ehre gab, seine volle Bedeutung. Die gleiche Wahrhaftigkeit gab der Arbeit des Gelehrten ihr Gepräge. So wenig der Ertrag seiner wissenschaftlichen Studien vor Laien voll gewürdigt werden kann, sein wissen״ schaftliches Lebenswerk als solches wird uns vollkommen durchsichtig werden aus der Eigenart seines Wesens, wie sie uns seither verständlich geworden ist. Schon das ist bezeichnend, daß er, bei aller Weite des Blickes, wie er sie z. B. als einer .der Leiter der Gesellschaft zur Förderung der Wissenschaft des Judentums betätigt hat, seine eigene Arbeitskraft beharrlich auf ein scharfumrissenes Gebiet konzentrierte: die Geschichte des jüdischen Denkens. In der Tat hätte er kein Arbeitsgebiet finden können, das seiner Eigenart und seiner Auffassung vom Judentum mehr entsprochen hätte. Nirgends trat jene Wechselwirkung des Judentums und der modernen Kultur, um deren Her״ Stellung er sich bemühte, in der Geschichte deutlicher zutage, als bei jenen Denkern, die den Blütenstaub griechischer Philosophie in den Honig jüdischer Weisheit umbildeten und nicht nur ihren Glaubensgenossen, sondern auch dem christlichen Abendlande nutzbar machten; nirgends durfte mit größerem Rechte von einer Entwicklungslinie innerhalb des jüdischen Denkens gesprochen werden, als in der Geschichte der jüdischen Philosophie; nirgends fand er Männer, die seiner Anschauung vom Kern und von der Aufgabe der jüdischen Religion näher kamen, als die großen Rationalisten des Mittelalters. Sich über *) Gedenkrede auf Landrabbiner Dr. Meyer, S. 17.