Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 262 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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262 Jakob G-üttmann. des Gedankens der ausgesprochene Feind jenes mystischen Helldunkels, das man mit Vorliebe als Sphäre des Glaubens zu betrachten sucht. Aufklärung und nicht Dunkel ,will es verbreiten“1). Wohl beanspruchten daher seine Predigten eine gewisse Anstrengung des mitdenkenden Hörers; aber es wußte auch jeder, daß die Anstrengung lohnte und man nicht nur einen augenblicklichen Genuß, sondern dauernde Klärung und Kräftigung der religiösen Lebensanschauung von seinen Worten zu erwarten hatte. Aber als Grundlage religiöser Klarheit forderte er religiöses Wissen. Konnte er auch die alte Zeit nicht wieder zurückführen, da vielfach auch der Mann des Berufs an theologischem Wissen dem Rabbiner gleichstand; würdigte er auch die berechtigten Ansprüche, die heute Allgemeinbildung und Berufsbildung an das heranwachsende Geschlecht stellen, so sträubte sich doch schon seine Wahrhaftigkeit dagegen, daß man sich hinter das Schlagwort des Liberalismus verschanzte, um sich der Verpflichtung zur gründlichen religiösen Ausbildung der Jugend zu entziehen. ,,Der sogenannte Starrgläubige könnte am Ende — was allerdings durchaus unjüdisch wäre — den Extrakt seines religiösen Bekenntnisses unbesehen in sein Bewußtsein aufnehmen. Wer sich dagegen durch seinen Freisinn gedrungen fühlt, nach einer eigenen, selbständigen Überzeugung zu ringen, der müßte sich doch zum mindesten. das Material angeeignet haben, das zur Bildung eines Urteils erforderlich ist; sonst wird der sogenannte Freisinn zur Phrase, die angebliche Unabhängigkeit zur lächerlichen Karikatur“2). Und wenn sich Männer mit mangelhafter theologischer Ausbildung geistliche Führerrollen in Israel anmaßen wollten, so traf sie die ganze Verachtung unseres Meisters. ,,Sind ג) Aus der Rede zum Sukkothfeste 1894, S. 8. 2) Aus einer Schulrede: ״Der religiöse Freisinn und der ReligionstmterricM", abgedruckt in Treuenfels’ Israelitischer Wochen- Schrift (1877) 130.