Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 261 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Guttmann. 261 diesen Worten auf einen geistesverwandten Kollegen hat unser verehrter Meister sich selbst gezeichnet. Nicht aus jener saft- und kraftlosen Weichlichkeit ergab sich seine Duldung, wie sie etwa Ibsens ״Brand“ an den Pranger stellt; vielmehr lag in seiner eigenen Erscheinung etwas, was an Ibsens Helden erinnern mochte: unbedingte Wahrhaftigkeit war wohl das Leitwort seiner rabbinischen Tätigkeit und spiegelte sich in der Klarheit seiner Diktion, im Drängen auf Gründlichkeit der religiösen Ausbildung und in der strengen Aufrichtigkeit seiner Synagogen- und Gelegenheitsr e de. Jene Klarheit seiner Redeweise entsprang zunächst, insofern sie jedes geistreiche Spiel, alles Blendende und Tändelnde verwarf, dem Wahrheitsdrang seiner Forscher־־ natur, andererseits aber, in dem sie sich vorwiegend an den Verstand des Hörers wendete, seiner Anschauung von der Aufgabe der Religion: ohne ihre Verwurzelung im Gefühl zu bestreiten1), hat er ihr die Erleuchtung des Geistes, die Klärung des Lebensbildes, als wichtigste Aufgabe zu-־, gewiesen. Und namentlich das Judentum ist ״als Religion ף MS 1870, 369 f.: ,,Schleiermachers Theorie . . . nach welcher religiöse Lehren ihre Wurzeln im Gefühle haben und der logischen Begründung entbehren können,. . . enthält allerdings eine tiefe Wahrheit und hat das Verdienst, das Prinzip der vernünftigen Religionsbetrachtung zum ersten Male mit großer Schärfe ausgesprochen zu haben. Wir dürfen uns seiner jedoch nicht als Vehikel bedienen, um jeden. Einspruch des Denkens zurückzuweisen und unterschiedslos die vernunftwidrigsten Glaubenssätze zu rechtfertigen . . . Das Gefühl kann vielmehr nur solche Religionslehren durch seine Autorität rechtfertigen, . . . deren Inhalt geeignet ist, dem der Menschennatur eigentümlichen Drang nach Erkenntnis, welcher im diskursiven Denken keine Beruhigung zu finden vermag, gerecht zu werden.<c Guttmann hat also Schleiermachers große Leistung durchaus gewürdigt, wenn er auch dessen Auffassung weder als Prediger noch als Historiker sehr weitgehende Konsequenzen zog: vgl. dagegen Julius Guttmanns Behandlung der Philosophie Jehuda Halle vis in der Festschrift füi Israel Lewy S. 327 ff.