Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 260 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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260 Jakob Guttmann. sich durchaus als den verständnisvollen Vermittler zwischen den äußersten Gegensätzen empfinden. Wer selbst an eine Entwicklung im Judentum glaubte, konnte diejenigen begreifen, die das Maß des Entwicklungsfähigen, Veränderlichen weiter bemaßen als er selbst. Andererseits: wer, wie Jakob Guttmann, den lebensfähigen und lebensnotwendigen Kern des Judentums so weit erstreckte, wer aus geschichtlicher Treue, tiefer Pietät und verständnisvollem Einblick in die Bedeutung der geschichtlichen Formen des Judentums sich selbst oft genug reformierenden Tendenzen entgegenstellte, der hatte volles Verständnis dafür, wenn etwa ein jüngerer Gelehrter, dem er zunächst als väterlicher Freund, dann auch als Verwandter nahetrat, das vieldeutige1) Schlagwort Entwicklung gern vermied und lieber von der Entfaltung eines Wesenskernes reden mochte. So beruhte die ver־ söhnende Tätigkeit, die er im allgemeinen und, Wenn wir nicht irren, ,namentlich im deutschen Rabbiiierverbande entfaltet hat, auf seiner eigenen Stellungnahme und überdies auf der Vornehmheit seiner edlen, jedem unnützen Streite abholden Natur, keineswegs aber auf einem Mangel an Zutrauen zur eigenen Überzeugung. ״Wir müssen es, gelinde gesagt, als einen Irrtum oder als eine arge Begriffsverwirrung bezeichnen, wenn man von mancher Seite glaubt, die Über־־ zeugungstreue als ein ausschließliches Vorrecht derer hinstellen zu dürfen, die sich zu irgend welcher schroffen Parteirichtung bekennen, sie dagegen allen denjenigen abzusprechen wagt, die den Mut besitzen, sich mitten durch die Parteien hindurch den eigenen Weg zu bahnen“2). Mit 1j Guttmann selbst hebt (Religionsphilosophie des Saadia 5) mit Recht hervor, daß der Fortschritt bei anderen Kulturen von der ursprünglichen, polytheistischen Grundlage der Lebensanschauung wegführt, beim Judentum dagegen in der ,,allmählichen Annäherung“ an die im Offenbarungsglauben wurzelnde Überzeugung besteht. 2) Aus der Rede auf den Landrabbiner Dr. Samuel E. Meyer in Hannover, S. 10.