Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 64 (1920)
- Issue
- Heft 4
- Article
- Jakob Guttmann
- Date
- 1920-01-01
- Page
- Seite 251 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Jakob Guttmann. 251 seiner Wirkungskraft und seines Stolzes klarzulegen und so zum vollen Verständnis seiner Natur vorzudringen, sei der Sinn unserer heutigen Betrachtung. Er hat uns Israel verstehen lehren aus den Tiefen der jüdischen Lebensanschauung: so mag denn heute Israel den Meister zu begreifen suchen aus dem Kern seiner Überzeugung, zu er־ kennen suchen, wie sie aus seiner Persönlichkeit und seinen Bildungserlebnissen sich ergab, um sich dann fruchtbar zu ergießen in Rat und Tat in seelsorgerischer und wissenschaftlicher Arbeit. Freilich werden wir auch darin seinem Beispiel folgen müssen, daß wir zunächst die zeitlichen Bedingungen erforschen, aus welchen seine Lebensanschauung erwuchs. Als er geboren wurde, im Jahre 18451), war jene Zeit im Leben der deutschen Juden bereits überwunden, da ,,Jude sein“ nicht das Bekenntnis zu einem Glauben oder Stamme bedeutete, also etwas neben dem Menschentum gleichsam Hergehendes, sondern ein Schicksal, das den ganzen Menschen ausfüllte: aus dem Judentum quoll das bißchen Recht und das viele Unrecht, das dem Juden zuteil ward; das Judentum bestimmte seinen Beruf, seine Wohnung, seine Sprache, seine Gebärden, seine ganze geistige Bildung. Und Jakob Guttmann kannte gewiß noch manche von den Männern der ganz alten Zeit, die aus der Not, der bitteren Judennot, eine Tugend zu machen wußten und sich in stolzer Isolierung geistig abschlossen von dem Weltleben, das sie wirtschaftlich umfing, die moderne Kultur so wenig verstehen wollten, wie von ihr verstanden sein. Aus jenem Kreise war freilich das Elternhaus Jakob Guttmanns bereits völlig herausgetreten. Sein Vater, Moses Guttmann; hatte zwar zu den Füßen der Talnaudgrößen des Ostens gesessen und widmete ג) Einen kurzen Überblick über sein Leben gab der —■ inzwischen ihm in die Ewigkeit nachgefoigte — Herausgeber der Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums (־= MS) S. 1 ff. dieses Jahrgangs,