Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 246 (sequence 16)
- Language
- German
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246 Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. und die Exempla deutsch, französisch und hebräisch übersetzt wurden«. Als der Freund nach Posen reiste, um bei R. Akiba Eger den Talmud weiter zu lernen, »setzte ich das Studium allein fort« (S. 27). »Obgleich ich so sehr vieles zulernte, als Geschichte ziemlich gründlich, Mythologie, Epope (!) und auch einigermaßen Aesthetik, so wußte ich doch nicht ordentlich Gebrauch von allen diesen zu machen. Ich war religiös und zugleich leicht [d. h. etwa leichtlebig] und freigeistig, ohne Grund schwärmerisch, und so waren alle Produkte meiner Feder auch immer so phantastisch, ob mir gleich die Realität viel zu schaffen machte« (S. 30). So ging unter fleißiger Arbeit das Jahr zu Ende, und das Neujahrsfest 5595 (= 4. Oktober 1834) kam heran. Er verlebte es in Zerkow bei den Eltern, nahm sich dorthin den Moliere mit, um »nach Art junger Gecken den Aufgeklärten und Vornehmen zu spielen«, zugleich aber auch das Schreiben, durch welches der Wollsteiner Rabbiner dem kaum siebzehnjährigen den Titel eines 1חבר) verliehen hatte, um den Zerkower Talmudisten damit zu imponieren. Erst im November kam er nach Wollstein zurück und las in den nächsten Monaten mit ziemlichen Verständnis Voltaire, Rousseau, Cornelius Nepos, Maimunis Logik (!מלות חגיו)- und Wolfs Geometrie, diese freilich, ohne viel davon zu verstehen. Das Talmudstudium trat dabei mehr in den Hintergrund, teils aus Zeitmangel, teils wegen der Geschmacklosigkeit, mit der der Rabbiner ihn vortrug. Unliebsame Vorfälle, besonders das bereits erwähnte Erlebnis mit dem leichtsinnigen Kaufmannslehrling, den er unterrichtete, störten seine Gemütsruhe, ohne seinen Wissens״ drang ernstlich zu erschüttern. Im Sommer vertiefte er sich in Schillers Geisterseher und lernte dabei die metaphischen Grundbegriffe kennen, beschäftigte sich mit Maimuni und Jehuda ha- Levi und hoffte, bald Ciceros de natura deorum lesen zu können. Racines Athalie, Victor Hugos Romane und Wielands Agathon ג) Einiges zur Geschichte dieser Titulaturen s. bei Landau und Wachstein, Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619, S. 8, Anm. 9.