Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 62 (1918)
- Issue
- Heft 3
- Article
- Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren
- Date
- 1918-01-01
- Page
- Seite 245 (sequence 15)
- Language
- German
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Aus H. Graetzens Lehr- und Wanderjahren. 245 gründlichen Kenntnissen in den klassischen und modernen Sprachen. Erst nach vielen verfehlten Versuchen gelang es dem Wissenshungrigen Lehrling, seiner angeborenen Schüchternheit Herr zu werden und allmählich einen Verkehr anzubahnen und endlich sogar die Gunst und Freundschaft des unnahbaren Gelehrten zu gewinnen. »So ungern er auch anfangs französisch sprechen wollte, so brachte ich es doch so weit, daß er mit mir allein in dieser Sprache sprach. Da er noch dazu mich überall lobte, so gewann ich dadurch ... [an Ansehen in der kleinen Stadt, sowie] an Selbstvertrauen und Menschenwürde und . . . legte dadurch einen großen Teil meiner Blödigkeit ab, Ich las [mit ihm] Mahomet französisch und deutsch, von Goethe übersetzt« (S. 22 ff.).— In dem engen Kreise, in dem er sich betätigen konnte, gestaltete«, sich jedes außergewöhnliche Ereignis zu einem besonderen E rlebnis »Die Ankunft eines polnischen Gelehrten1), der [das Buch] lob kommentierte« . . . erzählt er in denselben Tagen, »spornte mich besser an, in den Geist der heiligen Schrift einzudringen». Auch Latein nahm er wieder vor, und bald »ergötzte ich mich an dem Gedanken, lateinische Autoren lesen zu können und fand eine Wonne darin, einen Ausdruck in mehreren Sprachen zu wissen. Der alte bestaubte Bröder wurde wieder hervorgeschleppt und mündlich und schriftlich dekliniert. Mit einem Sohne des Danziger Rabbiners2) lernte ich Latein und richtete meine schriftlichen declinationes so ein, daß die Regeln französich gegeben wurden *) Es handelt sich zweifellos um R. Simcha Arjeh ha-Levi aus Hrubieszow. Der Verfasser gehörte zu den wandernden Literaten, die persönlichen Absatz für ihre Werke suchten, und hielt überall, wohin er kam, Vorträge über das von ihm behandelte biblische Buch. Der Commentar erschien zum ersten Mal 1824 und in mannigfach verbesserter Auflage 1833 m Lemberg und war z. Zt. unter den Juden sehr beliebt. Vgl. Steinschn, CB. Nr. 968. Zedner, S. 136. Rosenthal, S. 211, Anhang Nr. 2464 2) Er war wahrscheinlich ein Sohn des R. Chajjim Posner, der der Nachfolger seines Vaters R. Meier Posner, des Verfassers des ס׳בית מאיר/ in Danzig gewesen ist. vgl. Lewin, Gesch. der Juden in Lissa, S. 322.