Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Journal
- Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums
- Volume
- 7 (1858)
- Issue
- Heft 7
- Article
- Briefe aus Ungarn
- Date
- 1858-01-01
- Page
- Seite 254 (sequence 5)
- Language
- German
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254 Briefe aus Ungarn. schen Bevölkerung der ausgcbildcteste Chassidäismus mit allen seinen Ausschreitungen Platz griff, entwickelte sich in den übrigen Landesthcilen eine echte Religiosität und ein edler Sinn für das Gesammtwohl, die nur in wenigen größeren Gemeinden der Indifferenz oder der Irreligiosität weichen mußten. 2>n Allgemeinen konnten die Zustände sogar erfreulich genannt werden: die Gemeinden, weder durch die weltliche Behörde noch durch das Landesrabbinat in ihrer Aulonvmie beschrankt, verwalteten sich selbst und wählten diejenigen Rabbiner und Cultusbcamten, die den Bedürfnissen der Gemeinden am meisten entsprachen. Die Rabbiner selbst hatten noch keine hierarchischen Gelüste, und cs konnte daher zu einem feindlichen Zusammcnstoße der geistlichen und weltlichen Partei gar nicht koinmen. Von einer außerhalb des jüdische» Kreises liegenden Bildung wußten die ungarischen Juden nur sehr wenig. Die strenge Absperrung Oesterreichs gegen die Einflüsse der deutschen Cultur und das elende Schulwesen im Lande haben wesentlich das Ihrige dazu beigetragen. Die Ahnung eines im Auslande sich mächtig entwickelnden Culturlcbens wurde erst durch die Einwanderer erweckt, die sich häufig mit dem 2ugcnduntcrricht beschäftigten und manche nicht unwescutliche Dienste dem Lande leisteten, das ihnen Gastfreundschaft und Schutz gewährte. Dagegen florirte hier das Talniudstudium wie fast in keinem andern Lande Europas. Die Nabbinate waren von den tüchtigsten Talmudistcn besetzt, denen cs die Gemeinde gewissermaßen zur Pflicht machte, eine ״Zeschiba" in ihrer Mitte zu errichten. Nicht nur junge. Leute, die sich dem Nabbincrstandc zu widmen beabsichtigten, sondern auch zahlreiche Söhne der begütertesten Familien zogen auf die Hochschulen des Pilpel und eigneten sich umfassende talinudische Kenntnisse an, um bei ihrem Eintritt ins Privatleben als geachtete Männer, als geharnischte ., Lamdanim" erscheinen zu können. Die Gemeinden scheuten in dieser Beziehung keine Kosten und unterstützten mit eigener Aufopferung die zahlreichen Jüugcr, um nur die Ehre einer großen Jcschiba für sich in Anspruch nehmen zu können. Unter den ״Rosche Jcschiboth", deren Ruhm sich sehr oft über die Grenzen des engen Vaterlandes hinaus verbreitete, sind als die bekanntesten R. Wolf Boskowitz, R. Moses Münz, R. David Deutsch, R. Moses Sofer, R. Götz Cohn Schwerin, R. Koppel und R. Hirsch ״Charif", R. MoseS PcrlS, R.Jccheskel Bcnet, R. Mc'ir Gyarmat u.A. zu nennen. Die anderen Richtungen der jüdischen Bildung, so die schon bei den Biuristen hervortrctende und später immer mehr Boden gewin«